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THEATER

Reise ins Innere: Gustav Peter Wöhler im Berliner Ensemble

Irgendwo tief in uns haust unser innerer Mensch, einsam und verwildert, denn er findet niemanden, dem er sich wirklich anvertrauen kann. Außer einem schonungslosen Tagebuch, wie es der englische Flottenbeamte Samuel Pepys zwischen 1660 und 1669 führte. Seine Notate über die Pest und den großen Brand von London stehen auf tausenden von Seiten neben Berichten von Hinrichtungen, Theaterbesuchen, Amouren und Verdauungsproblemen. Der innere Mensch, so ahnen wir, ist nicht immer schön, kann aber durchaus unterhaltsam sein. Für einen musikalisch-literarischen Blick in seine Tagebücher ist Gustav Peter Wöhler in die Rolle des Aufsteigers und Musikliebhabers Pepys geschlappt. Das könnte perfekt passen: „And up to the office!“

Wöhler, in grauer Wollweste, gedrungen und doch plötzlich grazil über die Bühne des Berliner Ensembles tänzelnd, kann als Beamter auf Abwegen wunderbar zwischen Versorgungsängsten und Verschwendungslust schwanken. Wenn „Peeping at Pepys“ doch nur etwas Probenschweiß vorangegangen wäre. So schmiert sich eine Idealbesetzung unter Wert durch den Abend, bellt mal ein paar Liedverse mit, obwohl Wöhler doch eigentlich ein wunderbarer Sänger ist. Die Lautten Compagney hat nicht nur mit ihrem flüchtigen Starmimen zu kämpfen, die Akustik auf der Theaterbühne bietet dem historischen Instrumentarium nur wenig Resonanz. Auch der Sopranistin Susanne Ellen Kirchesch, die sich tapfer durch deftige Songs kokettiert, wünscht man mehr Rückhalt. Eine Begegnung mit dem inneren Menschen ist kein Kaffeekränzchen. Ulrich Amling

NEUE MUSIK

Strudel der Zeit: Das Modern Art Ensemble im Konzerthaus

Vierzig Minuten! Als angekündigt wird, wie lang die Aufführung von Gérard Griseys Stück „Vortex temporum“ („Zeitstrudel“) dauern wird, geht ein beängstigtes Raunen durchs Publikum im Konzerthaus. Der Interpretation des Modern Art Ensembles wird dann aber sehr konzentriert zugehört, am Ende sind die Zuhörer so beeindruckt wie die Musiker bewegt. Es ist gerade die Spieldauer, die zu einer langsam sich entwickelnden Vertrautheit mit einer fremden Klangwelt verhilft.

Griseys sogenannter „Spektralismus“ basiert auf einer Analyse der Obertonreihe, die eine partielle Vierteltönigkeit der Stimmung zur Folge hat. Motivische Dichte und strukturelle Konsequenz des Werks zeigen sich etwa in einer konduktartig schreitenden Abwärtsbewegung im Klavier, die unablässig wiederholt und dabei variiert wird, in einem von Ravel ausgeborgten Motiv in Klarinette und Flöte, das die Komposition eröffnet und ungefähr nach der Hälfte der Spieldauer wiederkehrt, oder in komplexen rhythmischen Figuren, exponiert von Geige und Bratsche in haarfeiner Verschiebung.

Das Konzert beginnt mit einem kurzen, lichten Stück Friedrich Goldmanns, das sich an japanischen Haikus orientiert und dem Ensemble um die fantastische Pianistin Yoriko Ikeya gewidmet ist. Die folgenden Werke von Elena Mendoza und Filippo Perocco erläutern die Komponisten selbst . Man bewundert – wieder einmal – den Idealismus der Künstler, die sich ganz der zeitgenössischen Musik verpflichten, und bedauert, dass der Werner-Otto-Saal bei Weitem nicht ausverkauft ist.Benedikt Bernstorff

KUNST

Unterwasser: Die Installation „Fische lauschen“ von Hannes Rickli

Fische kommen hier selten vorbei. Vielleicht ist ihnen ja die laborhafte Situation in ihren Gewässern unheimlich. Wassertaugliche Kameras, Geräte zur Datenübertragung und Boote, deren Rümpfe von oben durch das Wasser schneiden: Wer kann da noch in Ruhe nach Plankton stöbern? Die Arktis ist längst keine einsame Landschaft mehr, sondern Außenstation diverser Forschungsstellen, die sich von ihren Erhebungen elementare Daten versprechen. So wie der Fischökologe Philipp Fischer. Sein Team beobachtet auf Spitzbergen mithilfe der Unterwasserstation RemOs die Bewegungen von Meereslebewesen.

Und Hannes Rickli? Der Schweizer Künstler, den die Schering-Stiftung im Projektraum (Unter den Linden 32-34, bis 23. März) präsentiert, hört ihrer Technik bei der Arbeit zu. Noch bevor RemOs ins Wasser gelassen wurde, durfte Rickli seine eigenen Kameras und Mikrofone installieren. Genau wie die Forschungsstation senden sie nun per Live-Streaming Signale über Tausende von Kilometern dorthin, wo der Künstler sie nach seinen ästhetischen Kriterien auswertet. „Fischen lauschen“, die komplexe Installation im dunklen Schering-Raum, ist also nur mittelbar ein Tierbeobachtungsprojekt. Auch wenn man dank der Aufnahmen im grünlich schimmernden Wasser wie in einem Aquarium ständig Bewegungen wahrnehmen möchte. Rickli setzt sich vielmehr mit der Arbeit der Wissenschaftler auseinander, deren reales Labor sich weit weg vom Ort des Geschehens befindet. Eine Installation aus lauter Rückkoppelungen – und ein eigenwilliges Erlebnis. Christiane Meixner

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