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Volker Lüke

HEAVY METAL

Rückkehr der Donnergötter:

Saint Vitus im C-Club

Erst hat Thor das Donnern erfunden, dann haben Black Sabbath ihre Gitarren so weit runtergestimmt, das der wimmerige Grummelsound zum Elementarteilchen des Rock wurde. Damit stießen sie das Tor zur Heavy-Metal-Hölle auf und lieferten die Vorlage für einen Substil, der seine Breitenwirkung erst später entfaltete: Doom-Metal. Dessen Donnergötter waren Saint Vitus aus Los Angeles. Mitte der Neunziger zerbrach die Band, doch nun ist sie wieder da und hat mit „Lillie: F-65“ ein Album aufgenommen, das keinen Deut vom alten Konzept abweicht.

Auch beim Konzert im C-Club klingt die Musik, als sei längst alles gesagt. Die Gitarren schleppen sich in tausendjähriger Tradition durch fettes Feedbackgedröhne. Grobkörnige Donnerriffs, Geheul und polterndes Getrommel werden zu Songs vermischt, die sich auf die Effektivität von dumpfer Monotonie und doomiger Düsternis konzentrieren. Im Mittelpunkt steht Scott „Wino“ Weinrich, der mittlerweile aussieht wie Häuptling Graue Wolke und sich mit Heldentenorstimme durchs Programm knödelt. 75 Minuten dauert das Best-Of-Getöse. Es wird gewankt, gezittert und gejubelt, bis nach der letzten Zugabe „Born Too Late“ auch die härtesten Fans zu schwach sind für einen Schlussapplaus. Taub, aber glücklich erholen sie sich bei einem Bier. Volker Lüke

KLASSIK

Aufsteiger unter sich: Rafal Blechacz und das Tonhalle-Orchester Zürich

Ein hoffnungsvoller Vorfrühlingsabend, da sind zwei junge Aufsteiger eigentlich die ideale Besetzung. Dem Pianisten Rafal Blechacz steht der 1986 geborene Lionel Bringuier zur Seite. Er springt in der Philharmonie ein für David Zinman, dem er bald als Leiter des Tonhalle-Orchesters Zürich nachfolgen wird. Ein ideales musikalisches Paar sind beide aber nicht, zu verschieden sind ihre Charaktere. Blechacz’ leichter Anschlag in Beethovens frühem Klavierkonzert B-Dur, seine klaren melodischen Bögen finden keine Entsprechung in der Orchesterbegleitung: Die ist zu schwer, zu wenig rhetorisch konturiert, in der Einleitung ohne Brio.

Sehr viel besser kann Bringuier seine Stärken bei Berlioz’ „Carnaval romain“ und bei Brahms’ erster Sinfonie ausspielen. Dem beliebten Trend, die Spätromantiker wie Gründerzeitmobiliar abzubeizen, stellt er sich mit dunkelschwerem Klang entgegen. Wem das Hauptthema des letzten Satzes immer wie ein junges Mädchen vorkommt, das nach Gewitter an die frische Luft tritt, ist erstaunt, dass die Dame heute ein so feierliches Kirchgangsgesicht aufsetzt. Umso zwingender das Finale, mit Lust am Prunk und gut imitiertem Orgeldonner. Carsten Niemann

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