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SOUL

Seele und Rettung: Cody Chesnutt

im Festsaal Kreuzberg

Großes ist geschehen im Leben von Cody Chesnutt. Er hat eine Familie gegründet, Gott gefunden und die Drogen aufgegeben. Deshalb möchte der 44-Jährige heute auch nicht mehr seine alten Songs mit den explicit lyrics singen, wie er im gut gefüllten Festsaal Kreuzberg höflich erklärt. Stattdessen spielt er nur Stücke seines zweiten Soloalbums „Landing On A Hundred“, das 2012 eine der herausragenden Soul-Veröffentlichungen war. Familie, Gott, Liebe sind die zentralen Themen. Und so ist das Stück „That’s Still Mama“ – der Appell an einen jungen Mann, sich auf seine Mutter zu besinnen – eine logische, programmatische Konzerteröffnung.

Chesnutt lächelt viel, ist dauernd in Bewegung. Er trägt wie immer einen Soldatenhelm, womit er keineswegs martialisch wirkt, sondern eher wie ein gutmütiger Prediger. Ständig sucht der Amerikaner Kontakt zum Publikum, schüttelt Hände, steigt von der Bühne, macht die Menge zum Backgroundchor. Er zelebriert die Gospelwurzeln des Soul, ohne das groß auszustellen. Deshalb ist das jubilierende „’Til I Met Thee“ so mitreißend und die Selbstbeschwörung von „Everybody’s Brother“ so berührend. Sein Gesang erinnert dabei immer wieder an Marvin Gaye. Die vierköpfige Band legt Chesnutt ein lässiges Groove-Fundament. Das Fehlen von Bläsern, die eine wichtige Rolle bei den brillanten Arrangements des Albums spielen, kann sie zwar nicht ganz ausgleichen. Doch das vergisst man bald angesichts der überbordenden Warmherzigkeit dieses beglückenden Abends. Nadine Lange

KLASSIK

Schuld und Reue: Vocalconsort spielt Gesualdo in der Sophienkirche

Auch sogenannte Ehrenmörder können Reue zeigen. Das war jedenfalls bei Carlo Gesualdo der Fall, dem Fürsten von Venosa, dessen Todestag sich 2013 zum 400. Mal jährt. Nach der Bluttat an seiner Ehefrau und ihrem Liebhaber stiftete er nicht nur ein Altargemälde, das ihn betend vor den Flammen der Hölle zeigt, sondern notierte auch mehrere Bücher madrigalartiger geistlicher Kompositionen. Sie umkreisen in einer für die Sakralmusik jener Zeit ungewöhnlich expressiven harmonischen Sprache die Themen Schuld und Buße. Ein Drittel davon ist unvollständig erhalten und wurde just vom englischen Dirigenten und Komponisten James Wood mit dem Vocalconsort Berlin in einer Ersteinspielung vorgestellt.

Bevor es die rekonstruierten Stücke dieses „Liber secundus“ im September live zu hören gibt, eröffneten Wood und das Ensemble in der Sophienkirche ihr Gesualdo-Jahr mit einer vertanzten Aufführung bekannter geistlicher Motetten des Komponisten. Sonor, farbig und stilgerecht dargeboten sowie dramaturgisch klug eingebettet in eine altehrwürdige Messe von Josquin Desprez, könnten die experimentellen Miniaturen gut für sich stehen. Die Performance von Melania Olcina und Dimo Kirilov degradiert die komplexe Musik jedoch bisweilen zum Soundtrack. Aber wie sie schier endlose Fallbewegungen simulieren, die in ebenso suggestive Aufwärtsbewegungen übergehen, das wird dennoch zum höchst anschaulichen Versuch über das ewige Thema Schuld und Reue. Carsten Niemann

ROCK

Schmerz und Präzision:

Two Door Cinema Club im Astra

„What is Love“ von Haddaway? Guru Joshs „Infinity“? Vor dem Auftritt einer der angesagtesten Gruppen des aktuellen Indie-Zirkusses? Das jugendliche Publikum feiert die miserable Eurodance-Musik während der elend langen Umbaupause ironisch ab, vermutlich weil es noch nicht auf der Welt war, als die Nummern in den Neunzigern Hits waren. Dabei ist der Abend eigentlich angenehm unironisch. Zwei klassische Rockbands als Support, von denen eine groß werden wird (The 1975) und die andere (Dog Is Dead) genau das verdient hätte. Und als Hauptact Two Door Cinema Club, die 2010 von ihrem Debüt „Tourist History“ eine Viertelmillion Stück verkauften.

Der Nachfolger „Beacon“ ist seit einem halben Jahr im Handel und ebenfalls erfolgreich. Warum, wird im ausverkauften Astra rasch klar: Die vier Nordiren verwandeln ihre Normalität in einen Vorteil. Ihr sehr präzise rhythmisierter Indiepop wird so bodenständig dargeboten, wie es nur wenigen Genrevertretern gelingt. Zwar mag der stets lamentierende Frontmann Alex Trimble ein silbernes Jacket tragen, aber sonst könnte die Band auch ohne Weiteres im Publikum stehen. Was nichts über die Songs besagt. Die sind flott, eingängig, quietschig – und immer dann am besten, wenn sie etwas neben sich stehen, wie etwa das Richtung Paul Simon schielende „Wake Up“ oder „Sun“ mit seinem angefunkten Rumpelbass. Trimble sitzt an den Tasten, was ihm geringfügig besser steht als die Schrammelgitarre, mit der er die meisten Hits illustriert. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Jochen Overbeck

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