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Foto: neue visionen
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FILM

Vertrauen gegen Kontrolle:

„Die feinen Unterschiede“

Der Titel lässt Schlimmes ahnen: „Die feinen Unterschiede“, das verspricht schlecht einparkende Frauen und Männer, die nicht zuhören, das tönt erst mal nach Klischees in Reinform. Tatsächlich könnten der Arzt Sebastian (Wolfram Koch) und seine bulgarische Putzfrau Jana (Bettina Stucky) kaum unterschiedlicher mit ihren Kindern umgehen. Während Sebastian sich keinerlei Sorgen macht, wenn sein 16-jähriger Sohn Arthur (Leonard Bruckmann) nachts mal nicht nach Hause kommt, will Jana, dass ihre 20 Jahre alte Tochter Vera (Silvia Petkova) stets spätestens die letzte S-Bahn nimmt. Als die beiden Jugendlichen eines Morgens verschwunden sind, treffen die Prinzipien Laisser faire und Totalkontrolle scharf aufeinander.

Doch statt etwa in Geschlechterrollen sucht die Französin Sylvie Michel in ihrem Debütfilm (in Berlin im fsk, Lichtblick und Hackesche Höfe) die Gründe für die Kollision in Herkunft und Habitus – jenen Gesellschaftsschranken, die der Soziologe Pierre Bourdieu in seinem Buch „Die feinen Unterschiede“ vor über 40 Jahren analysierte. In Michels klarsichtiger Milieustudie stehen auf der einen Seite die Hochglanzwelt des Stargynäkologen Sebastian Leber, sein durchdesigntes Haus, die Telefonate mit der in den USA weilenden Exfrau während der Fahrt im Luxusauto. Auf der anderen sorgt Jana zwischen Betontreppen und schicken Oberflächen dafür, dass dieser Schein gewahrt bleibt. Plump wirkt sie im Vergleich zu ihrem Arbeitgeber, eine geistig und finanziell beschränkte Immigrantin, die nie recht Fuß gefasst hat.

Das ändert sich, als die Kinder unauffindbar bleiben. Vor Babyfotos in der Klinik, im Haus der Mutter Arthurs und in Janas karger Wohnung verhandeln Arzt und Putzfrau hitzig die Fragen um Kontrolle und Kontrollverlust. Der Arzt, der bei seinen künstlichen Befruchtungen den Halbgott gibt, muss sich eingestehen, dass er seinem Sohn kaum noch etwas zu sagen hat. Und die schuldgeplagte Übermutter leidet unter ihrer Ohnmacht, als sie die Geheimnisse ihrer Tochter entdeckt. Trauer und Wut entladen sich, bis die beiden so unfein Verschiedenen eine Gemeinsamkeit erkennen: den zweiten Geburtsschmerz, wenn das Kind sich endgültig abnabelt. Nantke Garrelts

THEATER

Verzweiflung gegen Visionen:

„4 Boat People“ bei den Vaganten

Gibt es für Khaled, Ismael, Rachid und Amadou noch eine Chance? Ihr Traum, in Europa ein besseres Leben als in ihren afrikanischen Heimatländern zu finden, steht vor dem Scheitern. In dem soeben uraufgeführten Stück „4 Boat People“ legen die jungen Männer Zeugnis ab von ihrer Sehnsucht, Freiheit, Arbeit und Würde zu finden (Vaganten-Bühne, Kantstr. 12a, wieder am 11. und 12. März). Die Abschiebezelle in einem spanischen Flüchtlingslager wird zum Ort der Beichte – über Heldenmut und Verrat, über naive Gläubigkeit, Trauer und kalt kalkulierte Strategien des Überlebens. Die vier planen einen Ausbruch – aber sie sind intellektuell und emotional viel zu verschieden.

Ob die Flucht gelingt, lässt Autor N. Saraan in der Schwebe. Der Theatertext will nicht über afrikanische Flüchtlingsdramen aufklären, sondern sucht die Poesie, die hinter dem Schrecken wohnt, etwa in der Metapher des Vogelflugs zwischen den Kontinenten. Auf die Spannungsbögen zwischen der Zufälligkeit der Biografien im Abschiebekäfig und der Unzerstörbarkeit großer Lebenswünsche stützt sich Regisseur Stefan Lochau. Seine vier Darsteller Derek Nowak, Selam Tadese, Patrick Khatami, Bejean Banner spielen in einem runden Käfig (Bühnenbild Michael Ottopal) Alltagsszenen, durchsetzt von Ausbrüchen, mal in Optimismus, mal in Verzweiflung. Noch wesentlicher sind die „Erzählungen“, in denen afrikanischer Alltag aufregend lebendig wird. Stück und Aufführung lassen die allgegenwärtige Grausamkeit nicht aus, verteidigen aber vor allem: Hoffnung. Christoph Funke

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