KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

H. P. Daniels

ROCK

Knochig und herzlich:

Bryan Adams im Konzerthaus

Etwas befremdlich ist es schon, den Hauptstrom-Schwimmer, Starkstromgitarren- Elektriker und Stadionrocker Bryan Adams im Berliner Konzerthaus zu erleben. Und wie der gediegene Saal, der sonst klassischer Musik vorbehalten ist, erbebt im orkanhaften Tosen überwiegend weiblicher Fans. Unter den unaufhörlich discoartig zuckenden Lichtblitzen unzähliger Handykameras. Dünn und knochig wie ein Langstreckenläufer wirkt der 53-jährige Adams in Jeans und schwarzem Hemd. Er lüftet den Zylinderhut und zaubert für die nächsten zwei Stunden eine endlose Reihe seiner Hits der letzten 30 Jahre hervor.

„Bare Bones“ heißt das Motto der Show: Keine Band, die Arrangements abgenagt bis auf die Knochen, nur der typische Krähgesang und eine alte Martin-Akustikgitarre. Irgendwann kommt Gary Breit zur exquisiten Begleitung am Konzertflügel dazu. Adams ächzt und rotzt rostige Töne aus einer Harmonica, deren Ton an Neil Young und an Bruce Springsteen erinnert. Doch im Gegensatz zu deren Soloauftritten nimmt Adams sich in seiner Unplugged-Show kein bisschen zurück. Zwar spurtet er nicht wie bei seinen Band-Konzerten ständig von einer Bühnenseite zur anderen, singt aber durchgehend mit überenergischem Hochdruck, als hätte er mindestens das Olympiastadion zu packen. Entsprechend bejubelt wird er von den entzückten Fans, die aus den Sitzen springen und all die hübschen Ohrwürmer mitsingen. Die klingen wie aus einer soliden Hitfabrik, haltbar zusammengeschraubt aus Teilen von Chuck Berry, Muddy Waters, McCartney’schem Obladioblada, Motown, Country, Soul, Springsteen, Smokie. Mit einigen raffinierten melodischen Wendungen, eingängigen Refrains und immer wieder einer betörenden Bridge zum Kitsch. „Straight From The Heart“, „All For Love“. Nach 28 Songs mit sechs Zugaben setzt Bryan den Zylinder auf und geht. Gut. H. P. Daniels

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