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KLASSIK

Saftig: Lisa Batiashvili mit der Staatskapelle in der Philharmonie

Brahms’ Violinkonzert bietet eigentlich reichlich Gelegenheit, romantisch zu drängen, draufgängerisch zu brillieren. Lisa Batiashvili geht die Sache bei ihrem Debüt mit der Staatskapelle in der Philharmonie aber anders an: selbstreflexiv, abgeklärt, beinahe altersweise – also ungewöhnlich für eine 34-Jährige. Doch damit kein falscher Eindruck entsteht: Nie klingt sie müde, im Gegenteil. Saftige Doppelgriffe und entschlossener, bronzener Strich bringen Leidenschaft ins Spiel. Vor allem beherrscht Batiashvili die Kunst, atmosphärische Wechsel ganz selbstverständlich aus sich heraus entstehen zu lassen. Einsätze braucht Daniel Barenboim am Pult bei so einem zentralen Repertoirestück kaum noch zu geben. Die Staatskapelle spielt sich auch so, wenn sie dran ist, gerne in den Vordergrund, scheint dabei aber auch zu vergessen, dass Brahms in seinem Violinkonzert auf die Integration von Solist und Orchester zielt, weniger auf Kräftemessen.

In Liszts „Les Préludes“ engagiert sich Barenboim gestisch mehr. Und setzt sich auch im Programmheft für das inkriminierte, weil von den Nazis für die Wochenschau verwendete Stück ein. Klar und transparent scheidet sein Dirigat die Orchesterstimmen – vielleicht zu sehr, der Zusammenhang des Ganzen ist mehrmals bedroht, jede Stimmgruppe macht ihr Ding. Erst in Bergs drei Orchesterstücken op. 6 ist alle Laxheit überwunden, herrscht völlige Geschlossenheit und Konzentration. Auch 90 Jahre nach der Uraufführung (1923 in Berlin!) verlassen noch Zuhörer den Saal. Sie verpassen ein ungeheures Werk, eines der komplexesten des 20. Jahrhunderts. Udo Badelt

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