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Skizzen von Anna Boghiguian. Foto: Daad
Skizzen von Anna Boghiguian. Foto: Daad

POP

Schmachtballadenträume:

Emeli Sandé in der Columbiahalle

Die Glocken der St.-Johannes-Basilika in der Lilienthalstraße donnern durch die kalte Abendluft. Vor wenigen Minuten ist der neue Papst im Vatikan ans Fenster getreten. Doch hier, rund um die Apostolische Nuntiatur, wirkt das Freudengeläut ein bisschen verloren. Die Gegend ist wie ausgestorben.

Einen knappen Kilometer südwestlich hingegen herrscht Gedränge wie auf dem Petersplatz: Die Columbiahalle ist vollgepackt mit Fans von Emeli Sandé, die ihre Show mit dem Song „Heaven“ eröffnet. Das Stück erinnert auch live durch die Synthiestreicher und den Beat stark an Massive Attacks „Unfinished Sympathy“, was man allerdings bald überhört, weil die Stimme der Schottin nach ungeteilter Aufmerksamkeit verlangt. Sie verfügt über einen erstaunlichen Umfang, viel Kraft und noch mehr Gefühl – perfekt für das von Emeli Sandé präferierte Genre der Schmachtballade. Sie hat mal rockigere, mal souligere, aber stets sehr mollverliebte Varianten im Dramaprogramm. Am eindrucksvollsten ist bisher der Hit „Read All About It“, den sie bei der Abschlussfeier der Olympischen Spiele in London präsentierte. Auch in Berlin, wo kräftig mitgesungen wird, zündet der tolle Song.

Nicht zu Unrecht wird Ex-Medizinstudentin Sandé mit ihrem Vorbild Alicia Keys sowie mit Mariah Carey verglichen. Beide hat sie seit ihrem vor allem in Großbritannien immens erfolgreichen Debütalbum „Our Version Of Events“ 2012 überflügelt. Auf der Bühne gibt sich die 26-Jährige mit den blondierten Haaren freundlich, unprätentiös und dynamisch. Begleitet von vier Musikern und zwei Sängern liefert sie eine solide 80-Minuten-Show ab, die mit dem Grand-Prix-verdächtigen „Mountains“ und dem Ohrwurm „Next To Me“ endet – olympiareif . Nadine Lange

KUNST

Nomadenschätze: Zeichnungen von

Anna Boghiguian in der Daad-Galerie

Natürlich spielt in dieser Ausstellung Berlin eine Rolle. Denn Anna Boghiguian, jüngst auf der Documenta 13 zu sehen, zeichnet immer dort, wo sie sich gerade aufhält. Und das ist dank eines Kurzstipendiums des Daad zurzeit hier. Unter dem Titel „Unstructured Diary for an Autobiography“ zeigt sie in der Daad-Galerie neben Arbeiten aus den 80ern und aus jüngerer Zeit ihre neuen Skizzen (Zimmerstr. 90, Mo-Sa 11-18 Uhr, bis 30.3.). In der Büste der Nofretete, die Boghiguian mitsamt Museumsbesuchern in gekonnt reduziertem Strich festhält, zeigt sich ihr Interesse für kulturelle und nationale Zuschreibungen: Nofretete ist nicht nur eines der bedeutendsten Schätze des Alten Ägyptens, sie wurde auch noch zur schönsten Berlinerin gemacht. Als Ägypterin, geboren 1946 in Kairo, und ewige Nomadin zwischen Europa, Indien und ihrer Heimat nimmt Boghiguian eine polyperspektivische Weltsicht ein. Viele Stadtszenerien sind unter ihren Aquarellen und Gouachen. Berlin wirkt fast schon gemütlich gegen das verschachtelte Straßengewirr Kairos. Maschendrahtkränze, gebleckte Zähne, lodernde Flammen bilden die jüngsten Unruhen ab. Die Kleider auf einer Wäscheleine sehen aus wie tote Körper. Die Zeichnerin lässt Farben schreien und schreibt Gedankenfetzen auf. „I wait for the day torture vanish“, kann man da lesen, drumherum schweben Münder und Ohren. Anna Boghiguian nutzt alle ihre Sinne, um ihre Umgebung aufzusaugen und auf die Skizzenblätter zu bringen. Anna Pataczek

ROCK

Trostspendebäume: Yo La Tengo

in der Volksbühne

Zwei völlig verschiedene Halbzeiten: Erst spielen Ira Kaplan, Georgia Hubley und James McNew, die sich zusammen Yo La Tengo nennen, ein dreiviertelstündiges, kuscheliges Wohlfühlset mit großartig minimalistischem Unplugged- Sound, um dann – nach kurzer Unterbrechung – zwei Stunden zu rocken, zu lärmen, feedzubacken, auszuschweifen.

Drei kräftige Bäume verzieren die Volksbühne, als wollten sie daran erinnern, dass es auch draußen an der Zeit wäre zu sprießen. Davor: drei ebenso vitale Musiker. Der Saal ist ausverkauft, gut 800 Besucher im meist gesetzteren Alter schaffen es, drei Zugaben zu erzwingen. Und selbst wenn der Band aus New Jersey nicht restlos alles gelingt, ist man sich weitestgehend einig: Yo La Tengo ist eine außergewöhnliche, große Band, aufregend unaufgeregt. Eine Band, die seit bald 30 Jahren besteht – über 20 Jahre davon in gleicher Besetzung. Zunächst ragt neben einem allein von Georgia Hubleys Stimme getragenen Stück vor allem „I’ll be around“ vom jüngst erschienenen „Fade“-Album heraus. Hubley ist sonst vor allem mit Besen-Sticks am Schlagzeug anzutreffen, McNew zupft stoisch die Bassgitarre, Gitarrist Kaplan bearbeitet im Laufe des Abends etwa ein halbes Dutzend Sechssaiter. Ein Highlight ist das ebenfalls neue „Ohm“, das etwa zehn Minuten auf einem Akkord hängenbleibt. Nur zwischenzeitlich verliert sich Kaplan zu sehr in Gitarrenwänden, Noise-Eskapaden und Improvisationen – dies ist nicht die Qualität der Band. Groß sind sie darin, einfache, sanft anmutende Trostlieder zu schreiben, die einem ständig zuzurufen scheinen: Es ist alles gar nicht so schlimm. Jens Uthoff



KLASSIK

Gassenecho: Roger Willemsen präsentiert Unterwegs-Weltmusik

Während weißer Rauch über den Petersplatz zieht, holt ein gewaltiges Bläserensemble im Kammermusiksaal tief Luft, um die traditionellen Trauermärsche der Passionszeit anzustimmen. Die Musiker der Banda di Ruvo di Puglia sind auf Einladung von Roger Willemsen von der Achillesferse Italiens nach Berlin gereist, um in seiner Weltmusik-Reihe von „Trauerritualen in Süditalien“ zu tönen.

Man spürt, dass diese Musik eigentlich schreitend gespielt wird und ihr Echo in den engen Gassen Apuliens findet. „Giorno di dolore“: Tuben stampfen, Klarinetten seufzen. Michele di Puppo, der sein Leben lang Wandermusiker war, weist seine Banda mit Milde und Bescheidenheit auf den Kreuzweg. Expressiver die Frauen des Quartetto Vocale Faraualla, die spitze Attacken in ihre den archaischen Klagegesängen abgehörten Lieder mischen. Eine aberwitzige Steigerung erfährt der Abend durch den Jazzmusiker Pino Minafra, der alle Musiker und Traditionen zusammenfasst. In ekstatische Paukenwirbel und Posaunenglissandi mischt sich ein Frauenchor in allerbester italienischer Filmmusikmanier der sechzigerer Jahre. Minafra, der auf und ab hüpfend noch mehr Rhythmus in seine „Domina de miseria“ drückt, hat bei Fellinis Komponisten Nino Rota studiert. Und der Schmerz – er ist längst einer unbändigen Freunde gewichen. Ulrich Amling

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