KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Herzenssache: Mark Elder mit

dem DSO in der Philharmonie

Es ist ungewöhnlich, dass ein Dirigent auf dem Konzertpodium eine Einführung in das aufzuführende Werk gibt. Sir Mark Elder gönnt sich diese Ausnahme, weil die zweite Symphonie von Edward Elgar (mindestens 55 ausschweifende Minuten) ihm eine Herzenssache ist. In sein Plädoyer für die Musik schließt er die Aufführung durch das „wundervolle“ Deutsche Symphonie-Orchester ein. Es gestattet ihm, wie anschließend in der Philharmonie zu erleben ist, dynamisch und klanglich aus dem Vollen zu schöpfen.

Die Hauptrolle der Pauken, Mahler- Nähe, Leidenschaft, Pomp, inhaltliche Beziehungen, aber auch „grief“ breiten sich aus, Inselromantik, die sich nicht erschöpfen will. Vieles, was im restlichen Europa als Erbe Richard Wagners klingt, wird aufgesaugt in den angelsächsischen Stil. Mark Elder, Musikdirektor des Hallé-Orchesters in Manchester seit 2000, ist in seiner Karriere sehr englisch geprägt bis zum Ritterschlag. Seine Interpretation der Symphonie gedeiht sichtlich aus innerer Freude an der Partitur, die sich auf das Publikum überträgt.

Im ersten Teil des Programms wirkt er eher wie ein Maestro ohne Eigenschaften, wenn er musikantisch die Ouvertüre zu „Béatrice et Bénédict“ von Berlioz abspult. Die Solistin Imogen Cooper leistet in Mozarts Es-Dur-Klavierkonzert KV 482 gefühlsbetonte pianistische Arbeit, ohne dass ein rechter Dialog mit dem Orchester und seinem aparten Bläsersatz entstehen will. Interpretatorisch bleibt man sich fremd. Sybill Mahlke

CHANSON

Punktsieg: Sebastian Krämer

bei den Wühlmäusen

Der Saal vor ihm ist brechend voll. Sebastian Krämer schleicht sich auf den Platz am Klavier, während Carsten Zimmermann, gelegentlicher Mitmusiker an diesem Abend, auf seinem Waldhorn spielt. Krämer, zweifach ausgezeichnet mit dem Deutschen Kleinkunstpreis, wirkt nervös bei der Premiere seines neuen Programms „Tüpfelhyänen“ bei den Wühlmäusen. Aber der 37-jährige Mann bringt die Erfahrung von über zwanzig Bühnenjahren und bislang elf Alben mit ans Klavier. Er winkt seine Unruhe lässig mit der rechten Hand ab und erzählt lieber die Geschichte eines Bauarbeiters, der sich überlegt, seine Fingernägel im Leopardenlook bemalen zu lassen.

Es soll heute Abend um die Möglichkeiten gehen, die man hätte, und warum man sie vielleicht auslässt. „Was ich alles kann“, ein Lied, das laut Krämer einen „James-Last-Refrain“ hat, bringt das Publikum auf seine Seite. Da ist eine Viertelstunde vorbei, und ab jetzt fressen ihm die Leute aus der Hand. Die Behauptung „Es geht nicht ohne Gewalt“ wird ebenso freudig aufgenommen wie ein Protestlied gegen Ingwerschokolade. Nach der Pause holt sich Krämer die Gitarristin Dota Kehr als zweiten Gast auf die Bühne. Sie singt von einem schönen Mann, dessen Bild sie für immer in sich bewahren will, indem sie sich von der Sonne blenden lässt. Krämer schließt mit „Tüpfelhyänen“, dem Titelsong des Programms. Der Rest ist Wunschkonzert. Mit „Deutschlehrer“ schickt er die Zuhörer dann zufrieden hinaus in die kalte Spätwinternacht. Knud Kohr

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