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KLASSIK

Favoritensemble: Barenboim mit Solisten seiner Staatskapelle

Bravorufe für Arnold Schönbergs Kammersinfonie und eine Bravourleistung ihrer Interpretation: Wenn Daniel Barenboim „Mitglieder der Staatskapelle Berlin“ aufbietet, um mit ihnen eine programmatisch aparte Matinee im Schiller-Theater zu gestalten, dann ist eine Elitetruppe zu erleben. Denn die 15 Soloinstrumente dieses Opus 9 werden von Musikern gespielt, die im Orchester ihren Platz an den ersten Pulten haben. Ein solches Favoritensemble als Konzentrat der Staatskapelle ist schwer zu überbieten.

Zu Anfang, bei dem f-Moll-Klavierquintett von Brahms, gesellt sich Barenboim als Pianist zu den Streichern Wolfram Brandl, Axel Wilczok, Julia Deyneka und Claudius Popp. Es erweist sich, dass über alle Verabredung, dynamische und lineare Abstimmung hinaus eine Abenteuerreise gesucht wird. Sensationell im Klang das „Siegfried-Idyll“. Brünnhildes Liebesmelodien, die Sprache des Waldes, der junge Siegfried, Vogelgesang: Mit sanfter Hand dirigiert Barenboim das Geburtstagsständchen für Cosima Wagner zum 25. Dezember 1870, der Geburt des Sohnes Siegfried gewidmet.

Aus einer Zeit der Riesenklangkörper – siehe: „Salome“, „Elektra“, „Symphonie der Tausend“ – stammt die Kammersinfonie Schönbergs von 1906. Jede Nebenstimme der Partitur, die mit revolutionärem Quartenmotiv beginnt, wird konzertant ausmusiziert. Das heißt in Barenboims Interpretation mit seinen Musikern: Vom Altern neuer Musik, die sich in diesem Fall mit einem historischen „Watschenkonzert“ verbindet, kann hier keine Rede sein. Sybill Mahlke

JAZZ

Königsthron: Bugge Wesseltoft und Wolfgang Haffner im Postbahnhof

Es ist ein europäisches Gipfeltreffen innovativer Jazzer. Der norwegische Pianist Bugge Wesseltoft, der sonst gerne mit Live-Elektronik experimentiert, beugt sich über den Flügel und brütet wie ein Romantiker über den Harmonien zweier Standards. Dann präsentiert er seine junge, furiose Jazzland Community: Mari Kvien, die sich mit ihrer durch unzählige Loops geschickten Stimme eine eigene, saxofonträchtige Band erschafft; Ola Kvernberg, der die Violine auch als Ukulele handhabt und mit seinem Trio zu einem nordischen Country-Groove ausholt; schließlich den lyrischen Tenorsaxofonisten Hakon Kornstadt, der mit den Klappen seines Instruments nebenbei einen slappenden Bass heraufbeschwört und als Tenor eine Opernarie zum Besten gibt.

Das zweite Set bestreitet Deutschlands höchstdekorierter Drummer Wolfgang Haffner mit seinem Quartett. Er stellt sein jüngstes Album „Heart of the Matter“ vor: Stimmungsvolle Klangbilder, konturierte, treibende Rhythmen mit großer Trommel, einer oft hauchzarten akustischen Gitarre, puckerndem Bass, Fender Rhodes und einer elegischen Trompete. Haffner legt schnelles Tempo vor, er ist ebenso präzise wie vertrackt, und bei seinen Soli tobt er sich auf beleuchtetem Thron wie ein Rockschlagzeuger aus. Zum Schluss erscheint er gemeinsam mit Wesseltoft auf der Bühne. Der Norweger steht diesmal an den elektronischen Reglern und dreht richtig auf, die Zugabe gerät zu einem teuflisch dissonanten Overkill. Ein Riesenspaß. Roman Rhode

ROCK

Desasterpoesie: I Am Kloot

begeistern im Lido

Wo immer die britische Band mit dem merkwürdigen Namen I Am Kloot auftritt, sind die Läden gestopft voll. Ausverkauft ist auch das Lido, wo das famose Trio aus Manchester diesmal als Quintett erscheint. Flankiert von Tasten und Flügelhorn, das changiert mit scharfer elektrischer Gitarre. Im Hintergrund ein weiterer Bläser mit diversen Saxofonen, Flöte und einem elektronischen Instrument, das tönt wie eine Mischung aus Didgeridoo, Dudelsack, Oboe und Sopransax. Das passt trefflich zum eher untypisch hypnotisch psychedelisierenden Einakkordsong „These Days Are Mine“ vom neuen Album „Let It All In“.

An der Bühnenfront stellt John Bramwell ein Bein auf den Monitor und kräht mit zerschrabbelter Akustikgitarre und rührend angekratzter Stimme: „For what is gone and what remains ...“ Vergangen scheint die Timbre-Ähnlichkeit mit John Lennon sowie die betörende Unschuld jüngerer Jahre. Geblieben ist die melancholische Poesie seiner Songs, ihre unter die Haut gehenden Geschichten vom Leben, der Liebe, den Dämonen und diversen Desastern. Sowie der untrügliche Sinn für glänzende, zeitlose Melodien, die schon beim ersten Hören wirken, als wären sie einem seit Jahren vertraut. Zwischen Folk, Soul, Pop und Sechziger-Jahre-Sentiment. Ein Höhepunkt: als Bramwell ganz alleine zu feinem Fingerpicking berauschende Versionen von „No Fear Of Falling“ und „At The Sea“ singt. Nach anderthalb Stunden und 21 exquisiten Songs fragt man sich, warum die Shows zwar stets ausverkauft sind, die Auftrittsorte jedoch seit Jahren nicht größer werden. Eine Ungerechtigkeit des Musikgeschäfts. Für die Fans allerdings ist es so viel schöner. H. P. Daniels

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