KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Im Nirvana schweben:

Jewgenij Kissin in der Philharmonie

Schnell, sachlich und ohne falsche Bedeutsamkeit – so tritt er auf, so eröffnet er Haydns Sonate Nr. 59 in Es-Dur. Jewgenij Kissin beherrscht die Kunst der Beiläufigkeit mit solcher Raffinesse, dass er doch jede kleinste Nuance der Phrasierung darin zu verpacken vermag. Für jedes Werk im streng chronologischen Programm findet er den idealen Grundanschlag. Bei Haydn ist er trocken und bestimmt, in Schuberts Impromptus zauberhaft weich, in Liszts Ungarischer Rhapsodie Nr. 12 wuchtig. Wahre Offenbarung des Abends im ausverkauften großen Saal der Philharmonie ist aber Beethovens letzte, zweisätzige Klaviersonate in c-Moll op. 111. Nach einem mechanisch getakteten Haydn löst Kissin nun die Perspektiven komplett auf. Extreme Temposchwankungen entfernen jeden Gewohnheitswert und lassen auf atemberaubende Weise ein gleichsam neues Werk erklingen. Schon mit der dumpf betonten Basslinie, die er der lieblichen Arietta des zweiten Satzes unterlegt, verschiebt er die Gewichte, bevor er in den Variationen einen mikroskopischen Blick auf die innere Struktur freilegt, so dass das wiederkehrende Thema zum Schluss wie im Nirvana zu schweben scheint. Virtuosität ist bei Kissin niemals äußerlich, das ließe sein unfehlbarer Geschmack, fern von artifiziellem Pathos und Kitsch, nicht zu. Die schiere Perfektion seines Spiels hat aber auch etwas Unheimliches, fast unmenschlich Kühles – und Liszt demaskiert ihn darin: Die Spontaneität des Episodischen der Rhapsodie lässt sich von Perfektion nur ersticken. Sie bleibt eine unerschlossene Dimension, bei allen sublimen Wundern, die das einstige Wunderkind immer und immer wieder vollbringt. Applaus, Jubel und Zugaben ohne Ende. Barbara Eckle

ROCK

Zorn steht ihm gut:

Jake Bugg im Postbahnhof

Auf dem Pressefoto wirkt Jake Bugg wie modelliert. Nach einem Bild von Keith Richards vor 50 Jahren: ein schüchterner Junge, der sich zornig gibt. Zusammengekniffener Blick, großer Mund, große Ohren unter dunklen Beat-Haaren, Kippe in der Hand. „I know this day would come I’m in the frontline“, singt er. Platt gequetscht und in die Länge gezogen, als wär’s ein Britpop-Kaugummi, vorgekaut von Oasis. Schon eine Weile gilt der gerade 19-jährige Bugg aus Nottingham als „der neue Dylan“. Und jetzt ganz vorne auf der Bühne des ausverkauften Postbahnhofs in Licht und Jubel. „Neuer Dylan“ ist natürlich Quatsch. Vielleicht eher „neuer Donovan“ oder „neuer Don McLean“. Die Songs von seinem Debütalbum nudelt er, unterstützt von Bass und Schlagzeug, gleichförmig herunter. Er schraddelt schön auf der Akustikgitarre, zupft in früher Donovan-Art und zwängt dazwischen ein rasantes Rockabilly-Solo auf der elektrischen Gretsch. Quetscht auf die Stimme, mit wenig Modulation und Dynamik. Was auf die Dauer von einer Stunde so monoton wirkt wie seine durchgehend blasierte Mimik. Als ginge ihn das alles nichts an. Cool. Wobei man hinter der ganzen Natürlichkeit des „Jungen von nebenan“ etwas seltsam Gekünsteltes verspürt. Die besten Songs des Abends: „Two Fingers“, wo Marc Bolan und die Lovin’ Spoonful verquirlt werden zu einem munteren Tänzchen. Und der Hit „Lightning Bolt“, der ein bisschen an „Bad Moon Rising“ von Creedance Clearwater Revival erinnert. Was aus Jake Bugg und seiner Begabung wird, werden wir in zehn Jahren wissen. H.P. Daniels

NEUE MUSIK

Töne wie Spiralen: Gene Coleman beim MaerzMusik-Festival

Unglaublich, dass das ehemalige Stummfilmkino Delphi Weißensee bis vor kurzem in tiefem Dornröschenschlaf schlummerte, ohne von locationhungrigen Berliner Hipstern entdeckt zu werden. Nun ist es doch passiert – und man kann nur hoffen, dass der Raum auch wieder für das Genre genutzt werden kann, für das es 1929 erbaut wurde. Das MaerzMusik-Festival, das den Ort für sein Porträt des Komponisten und Regisseurs Gene Coleman aufgetan hatte, musste das nötige Kinoequipment noch selbst mitbringen. Für die Neuvertonungen zum japanischen Stummfilmklassiker „A Page of Madness“ sowie zu Colemans eigenem Experimentalfilm „Spiral Network“, die vom Kammerensemble Phace vorgestellt wurden, was das Ambiente akustisch ideal. Einziger Schönheitsfehler: „Spiral Networks“, der mit motivischen Ähnlichkeiten zwischen Architekturzeichnungen, Fotografie, Schrift und Grafik spielt und selbst einer musikalischen Struktur zu folgen scheint, bedarf womöglich keiner Klänge. Es mag zwar Analogien zwischen Anblasgeräuschen und „schmutzigen“ Filmschnitten, zwischen japanischen Schriftzeichen und japanischen Mundorgelklängen geben, doch da Coleman platte Wort-Bild-Beziehungen meidet, führt die Parallelität zur Reizüberflutung. Zu einer glücklicheren Koexistenz finden Bild und Ton in „A Page of Madness“, dem Coleman sowohl in seinen erzählerischen wie formal experimentellen Aspekten aus kritischer, aber nicht emotionsloser Distanz folgt. Carsten Niemann

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