KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Risikoreich: Jonathan Nott und

die Junge Deutsche Philharmonie

Gustav Mahlers 9. Symphonie von 1909, ein rätselhaftes Werk. Ein Andante-Adagio-Rahmen legt sich um zwei Mittelsätze herum, die Mahler „etwas täppisch und sehr derb“ und „sehr trotzig“ überschreibt. Das Finale, berühmt für seinen Rückzug in die totale Stille, dauert unendlich lang; Doppelschläge in Zeitlupe reihen sich an trauervolle Halbtongänge, ein Streichergesang verliert sich im Nichts, „sehr zögernd“, zeichnet Mahler an, „morendo“.

So bedächtig führen die Streicher der Jungen Deutschen Philharmonie unter Jonathan Nott am Dienstag in diesen Passagen ihre Bögen, dass die Instrumente fast kratzig klingen. Das Publikum in der Philharmonie scheint derweil zumindest überrascht – oder ist es der Winter, der die Leute gerade in diesen letzten Augenblicken (nach fast anderthalb Stunden) husten und niesen macht? Gleichviel. Ein solches Risiko geht wohl jeder Klangkörper ein, der die Neunte spielt, nicht nur das mit Musikstudenten zwischen 18 und 28 Jahren besetzte Orchester.

Außerdem lauern sowieso weitere Gefahren, die gute Balance zum Beispiel zwischen einer sauberen, geradezu skrupulösen Einstudierung und einer Wiedergabe in Gelassenheit, die sich an diesem Abend erst noch einstellen muss. Doch spätestens mit der ersten Violin-Solo- Stelle gerät das Andante comodo in Fluss, ist längst auch die fabelhaft präzise Horngruppe aufgefallen, wie überhaupt über einzelne Stimmen oder Stimmgruppen des jungen Orchesters nur das Beste zu berichten ist – fabelhaft tönen nämlich auch die Solobratsche oder die Posaunen mit Tuba nebendran. Christiane Tewinkel

ROCK

Hemmungslos gebrüllt:

The Darkness im C-Club

„Ick bin the fuckin’ Darkness!“ – Justin Hawkins pumpt die Backen auf und wirbelt im brustfreien Spandexanzug durch die Luft. Gekonnt stellt er sich vor dem Schlagzeug auf den Kopf, wo ein greller Lichtstrahl genau dort die Dunkelheit zerreißt, wo man sein fuckin’ Dings vermutet. Auweia! Jetzt ist auch noch die Band zurückgekehrt, die so bescheuert ist, das es sie eigentlich nie hätte geben dürfen. Mit ihrem hemmungslos geklauten Glamrock-Bombast waren The Darkness schon ein Witz, als sie vor zehn Jahren eine Musik zurückbrachten, gegen die Disco, Punk und Hip-Hop erfunden wurden. Trotzdem haben sie es geschafft, von einer Coverband aus der englischen Provinz zu gefeierten Überfliegern zu werden, die Millionen Platten verkauften, bevor sie der Sonne zu nahe kamen und Heulboje Hawkins im Drogensumpf versackte.

Nun sind sie in Originalbesetzung zurück und drücken zur Freude ihrer Fans im randvollen C-Club noch mal drauf, dass es daddelt. Feiste Bubblegum-Hardrock- Coolness mit pathetisch kreischenden Falsettchören und durchweg gequälten Schweinegitarren. Hawkins schraubt seine geschundenen Stimmbänder in luftige Höhen und liefert sich hitzige Gitarrenduelle mit Bruder Dan. Der Megahit „I Believe In A Thing Called Love“ ist der obligatorische Höhepunkt, bevor sich Justin Hawkins bei der Zugabe huckepack durchs johlende Publikum tragen lässt, Donna Summers „Love To Love You Baby“ anstimmt und das große Stöhnen unter die Ladys bringt.Volker Lüke

KUNST

Fein gewebt: Krakau-Erinnerungen

im Museum Europäischer Kulturen

Pilze suchen im Wald, der Geruch von Kaffee am Morgen, das Geräusch des Schuheputzens – aus welchem Gewebe bestehen Biografie und Identität? Die Mitarbeiter des Ethnografischen Museums Krakau sammelten Kindheitserinnerungen und suchten in ihrem Museum nach Objekten, die diese Erlebnisse auch andernorts verdeutlichen können. Herausgekommen ist die ungewöhnliche Ausstellung „Alt Vertrautes – neu entdecken“, die ihre Besucher in ein feines Gespinst von Assoziationen hüllt. Nach einer ersten Station in Marseille ist sie nun im Museum Europäischer Kulturen zu sehen(bis 30.6., Arnimallee 25, 14195 Berlin, Di–Fr 10–18, Sa, So 11–18 Uhr). Mächtige eiserne Schlösser mit komplizierten Zahnradmechanismen eröffnen das erste Kapitel: das Zuhause. Ein Film, auf einen Holztisch projiziert, zeigt mit Mehl bestäubte Hände, die Piroggen füllen. Wald und Holz bilden das nächste Kapitel. Mit kreisrunden Augen beobachten die Totemfiguren des Laienkünstlers Heródek die Besucher.

In einer langen Galerie hängen Porträts aus Krakauer Fotostudios, reiche Kaufleute neben den wettergegerbten Gesichtern von Fischern mit wasserhellen Augen. Selbst die Trachten sind hier einmal unkonventionell präsentiert: offen auf Bügeln oder, wie die bestickte Weißwäsche, in Aussteuertruhen. Sanft werden die Besucher in die Vergangenheit der prächtigen Handels- und Universitätsstadt Krakau hineingezogen und zum Nachdenken über die individuelle Tradition angeregt. Es ist auch die verlockende Gelegenheit, wieder einmal die menschenleeren Museen in Dahlem zu besuchen. Und wann stellen Museumstexte schon einmal Fragen wie: „Bügeln oder über den Sinn von Falten nachdenken?“ Simone Reber

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