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von

FUNK

Operation am offenen Herzen:

Jamie Lidell im Kesselhaus

Nachdem er bei seinen letzten Berlinkonzerten stets mit Band unterwegs war, macht Jamie Lidell jetzt auf elektronischer Alleinunterhalter. Immerhin ist der 39-jährige Brite, Ex-Wahlberliner und heutige Nashville-Bewohner kein phlegmatischer Knöpfchendreher, sondern zieht mit seinem quecksilbrigen Temperament das Publikum im beinahe ausverkauften Kesselhaus rasch auf seine Seite. Zudem hat er in eine fesche, mit prismatischen Spiegelflächen verkleidete Arbeitskonsole investiert, die wie der Raumschiffkommandostand in einem billigen Science-Fiction-Film wirkt.

Lidell ist permanent in Bewegung. Statt seines grauen Trenchcoats mit strassbesetzten Schulterklappen, der ihm eine vage Exhibitionistenanmutung verleiht, würde ihm auch ein Trainingsanzug gut stehen. Zu einer sorgfältig mit den Sounds korrespondierenden Lightshow operiert er am offenen Herzen seiner Songs: Er manipuliert beherzt die Tonspuren, zerdehnt die Beats, lässt seine Stimme im Echo mit sich selbst erklingen oder bastelt sich bei „Music Will Not Last“ aus geloopten Gesangsspuren ein kleines Technosoul-Orchester zusammen. Die auf seiner jüngsten Platte recht grobmotorischen Achtziger-Funk-Elaborate funktionieren durch diese spielerischen Nachbearbeitungen viel besser. „Big Love“ entwickelt sich mit ausgedehntem A-cappella-Teil gar zur bewegenden Hymne. Zum Höhepunkt nach knapp anderthalb Stunden wird der ekstatische Stomper „Multiply“ mit Technotronic-Hommage und engagierten Wechselgesängen mit den Fans. Jamie Lidell ist die perfekte Ein-Mann-Band.Jörg Wunder

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