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KLASSIK

Im Weltall: Das DSO spielt

Neues von Peter Eötvös

Die Philharmonie als Raumschiff: Sechs Geiger postiert Peter Eötvös für sein Violinkonzert „Seven“ auf den Rängen des Konzertsaals – als Echo, Widerpart und Zuspiel für die Solistin Patricia Kopatchinskaja, die vom Podium aus zarte Melodiefetzen, lange Diskanttöne oder aufbegehrend raue Doppelgriffketten schickt. Umsponnen von solchen Sphärenklängen wähnen wir uns in der Raumfähre Columbia, bei deren Landungsanflug 2003 alle sieben Astronauten ums Leben kamen. Und bewundern gleichzeitig, wie klug die Solistin mit ausgewählten Mitgliedern des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin und seinem Dirigenten Pablo Heras-Casado eine exquisite Klangbalance organisiert, wie wenig sie es nötig hat, in den Vordergrund zu treten und dann wiederum mit kurzen Kurtág-Zugaben Atmosphäre schafft.

Kontrast und sensibler Übergang karger Einzelstimmen zu heftigen Tuttischlägen erzeugt auch beklemmende Nuancen in Schostakowitschs Kammersymphonie c-Moll, auch sie ein Requiem auf das in seinen Hoffnungen gescheiterte Individuum. Eine Glanzstunde des Orchesters findet dann im opulenten „Heldenleben“ von Richard Strauss statt – trotz aller Lust am schwelgerischen Klang wird Casado nie sentimental, nimmt sich streckenweise sogar so sehr zurück, dass das Stück für sich selbst spricht. Da bröckelt die pathetische Patina, alles klingt plötzlich frisch und neu. Isabel Herzfeld

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Am offenen Herzen:

Martin Helmchen im Konzerthaus

Streichquartette, die ein festes Ensemble bilden, haben es leicht – sagt man: weil sie sich blind verstehen und aufeinander eingespielt sind. Dass es auch anders funktioniert, zeigt Pianist Martin Helmchen im Konzerthaus mit Geigerin Veronika Eberle, Bratschist Antoine Tamestit und Cellistin Marie-Elisabeth Hecker. Bei Mozarts Es-Dur-Quartett müssen sich die vier aber noch warmspielen. Diese Art selbstverliebter agogischer Mätzchen geht auf die Nerven. Mozarts Leichtigkeit ist eine komplizierte Sache, da muss nichts angepappt und als eigene Kunst verkauft werden. Bei Gabriel Faurés g-Moll-Quartett sind dann eine gemeinsame Rede gefunden und die Steine ins Rollen gebracht. Nur das Werk, leider, wird davon nicht interessanter.

Johannes Brahms’ c-Moll-Beitrag zum Genre ist dann technisch-musikalisch wie gemacht für die jungen Wilden zwischen 24 und 34, die hier fast um ihr Leben spielen. Mit Gespür für die Textur operiert das Quartett am offenen Herzen, lässt die Verletzlichkeit dieser Klangsprache zu Tage treten. Das Schwerste am Interpretieren ist ja das Verstehen und Überbringen der gemeinsam gefundenen Botschaft, und es ist kaum ein Ensemble vorstellbar, das dieses dritte Klavierquartett eines verbitterten Brahms eindrücklicher vermitteln könnte. Die Begeisterungsstürme im ausverkauften Saal sind völlig berechtigt. Christian Schmidt

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