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KLASSIK

Abendsonne: Marek Janowski und das RSB in der Philharmonie

Nachricht aus dem Elfenbeinturm: Nahe Paris steht ein Rokokoschloss. Darin erhebt sich ein galanter Ästhetenstreit darüber, ob in der Oper dem Dichterwort oder der Musik der Vorrang gebührt. Verhandelt wird dies in dem „Konversationsstück“ von Richard Strauss und Clemens Krauss, das „Capriccio“ heißt. Die Uraufführung, dirigiert vom Textdichter, hat durchschlagenden Erfolg im Münchner Herbst, der Komponist sei beglückt, heißt es – man schreibt das Jahr 1942! Was bleibt von der heute schwer vorstellbaren kriegsbedingten Ambivalenz? Ein Spätwerk in der Abendsonne, warmer Streicherklang, Schelmerei, die Straussische kostbare Instrumentation.

Die ist beim Rundfunk-Sinfonieorchester in der Philharmonie glänzend aufgehoben. Dazu kommt als Gewinn, dass Charlotta Larsson die Schlussszene der Gräfin übernommen hat. Nach Absage von Anja Harteros singt die Schwedin mit souveräner Klarheit und Intensität, eine Meisterleistung in unzeitgemäßer Poesie: „Dein Auge beut mir himmlisch-süße Not.“ Marek Janowski und das RSB nehmen mit dem Abend nach ihrem insgesamt exzellenten Wagnerzyklus ein Jubiläum des nächsten Jahres voraus, den 150. Geburtstag von Strauss. Bei „Tod und Verklärung“ bedeutet das, die erworbene Klangkultur auf neuen Wegen zu steigern. Seidenglanz, Janowski mit großem Impetus, ein Eliteorchester in Bestform. Es gibt wahrlich wichtigere Musik als dieses Hornkonzert Nr. 2! Aber Radek Baborák als Solist erschlägt jeden Einwand, weil er das Stück märchenhaft melodiös und waghalsig verteidigt. Sybill Mahlke

THEATER

Lebenswille: „Jawoll, meine Herrn!“ im Theater am Palais

Der Film: eine Kunst, die Kitsch liefert, Ablenkung will, den Blick auf die Realität vernebelt. Kann man damit deutsche Geschichte erzählen? Regisseurin Barbara Abend versucht es im Theater im Palais mit einer anekdotengespickten Plauderei: „Jawoll, meine Herrn!“ (wieder am 29. und 30. 3.). Im Mittelpunkt: die großen Musikfilme des 20. Jahrhunderts, voller Lebenswillen, Zuversicht, Humor und artistischer Perfektion. Erinnert sei an „Die drei von der Tankstelle“, an Kurt Hoffmanns „Spessart“-Filme oder „Auf der Sonnenseite“ mit Manfred Krug. Immer wieder gibt es etwas zu singen und im Singen zu überwinden. Das Böse, Widerwärtige bleibt in diesen von bedeutenden Komponisten ihrer Zeit ins Leben geholten Filmen oft draußen, sie haben herzwärmende, lebensspendende Kraft, Zuversicht, Heiterkeit, Ironie und das gar nicht verborgene Wissen um kluge menschliche Überlegenheit gegenüber dummer Politik.

Jens-Uwe Bogadtke, Carl Martin Spengler und Gabriele Streichhahn holen die Fröhlichkeit aus dem Abgrund hervor: Heiterkeit unter Tränen, Bekenntnis zum Leben, musikalische Perfektion. Verantwortlich ist Ute Falkenau am Klavier, die die Schöpfungen der Filmkomponisten erklingen lässt. Das Ensemble versteht sich bis in die Fingerspitzen, findet in berührenden Momenten zu Nachdenklichkeit und Ernst. Schöner Schein auf der Leinwand? Es war mehr. Christoph Funke

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