KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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Adam Green & Binki Shapiro. Foto: Promo
Adam Green & Binki Shapiro. Foto: Promo

KLASSIK

Wuchtig: Daniel Barenboim und Rolando Villazón in der Philharmonie

„Sie stampfen das Leben aus der Erde heraus“: So sieht Strawinsky die Jünglinge tanzen in seinem „Sacre du printemps“. Und in der Interpretation Daniel Barenboims mit der Staatskapelle bleibt die Wildheit, Primitivität, Dumpfheit der Partitur romantisch geheimnisvoll. Das besagt, dass die kultische Handlung, das Opfer, den Frühlingsgott zu versöhnen, Vergegenwärtigung erfährt im Konzertsaal der Philharmonie. Präzision als Mittel des Ausdrucks. Dem Rhythmischen bleibt ein mystischer Rest, weniger Routine als bei Rattle, mehr Schwere, Berührung mit dem „heidnischen Russland“.

„100 Jahre Sacre“ heißt ein weiteres Jubiläum dieses Jahres, denn der Mai 1913 verzeichnet den historischen Skandal um die Uraufführung des Balletts im Théâtre des Champs Élysées. Eine neue Choreografie bereitet Sasha Waltz vor, deren Deutschlandpremiere im Schillertheater auf Barenboims Herbstplan steht.

Verdi indes fehlt nicht im Rahmen dieser Festtage der Staatsoper. Respektvoll sorgfältig leitet die Staatskapelle das erste Konzert mit der Ouvertüre zu „I vespri siciliani“ ein, bevor Sängerstar Rolando Villazón auftritt. Gegenseitige Umarmung mit dem Publikum spricht für sich. Sie kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Stimme körnig, angestrengt klingt. Das Timbre hat an Charme verloren. In vier von den „Otto Romanze di Giuseppe Verdi“, die Luciano Berio kommentierend transkribiert hat, singt der Tenor hauptsächlich mit der Seele, anrührend in dem Gebet Gretchens „Ach neige, du Schmerzensreiche“ in einer italienischen Textadaption. Wenn Berios Bearbeitung im Orchester „Lohengrin“ anklingen lässt, sind Verdi und Wagner in diesem Jubiläumsjahr ihrer 200. Geburtstage lieblich vereint. Sybill Mahlke

KUNST

Lebendig: Malerei von

Horst Bartnig in der Galerie Parterre

Verraten die exakten Linien nicht doch eine Gemütsbewegung des Künstlers? Sind die Farben vielleicht im Lauf der Jahre heller geworden, die Abstände lichter, die Rautenmuster lebendiger? Das Auge sucht nach einer persönlichen Regung in Horst Bartnigs Malerei. Es prallt am Ebenmaß der Formen ab, an der Reinheit der Geometrie. Auch der Maler selbst ist sich auf eigensinnige Weise treu geblieben, nur der Bart über den bunten Linien der Krawatte ist weißer geworden. In der Galerie Parterre hat Horst Bartnig die mächtigen Pfeiler der einstigen Direktorenvilla mit senkrechten Streifen verkleidet. Durch die weißen Unterbrechungen scheinen die farbigen Linien laufen zu lernen. Auch die Rauten auf den Großformaten an den Wänden geraten in Bewegung. Der kompakte Raum gewinnt Leichtigkeit und Musikalität (bis 28.4., Danziger Str. 101, Mi–So 13–21 Uhr, Do 10 –22 Uhr).

Horst Bartnig, 1936 in Schlesien geboren, variiert seit fast 50 Jahren die Grundformen – das Quadrat, die Linie mit Unterbrechungen, das Labyrinth – zu immer neuen Konstellationen. Früh arbeitete er mit Informatikern zusammen, um seinen künstlerischen Spielraum zu berechnen. An dieser konkreten Kunst, die stabil wie eine Festung konstruiert ist, prallte in der DDR jeder politische Vereinnahmungsversuch ab. Unerschüttert von äußeren Ereignissen, unabhängig von inneren Emotionen, folgen diese Bilder ihren mathematischen Regeln. So definiert Horst Bartnig seine eigene Zeit. Simone Reber

POP

Wuschelig: Adam Green &

Binki Shapiro im Lido

Vor zehn Jahren wurde der damals 20-jährige New Yorker Adam Green mit seinem Album „Friends Of Mine“ mächtig abgefeiert. Mit seinen hübschen aus den Fünfzigern und Sechzigern zusammengeklaubten Melodien galt er vor allem in Deutschland als große Pop-Hoffnung. Nach einer weiteren guten Platte begann sein Stern allerdings schon wieder zu sinken. Nun hat er mit der kalifornischen Sängerin Binki Shapiro ein paar ansprechende neue Songs über die Wirrnisse der Liebe geschrieben. Daraus haben sie ein Album gemacht mit netten Duetten à la Lee Hazlewood & Nancy Sinatra.

Das Lido ist ausverkauft und gesteckt voll. Der einst so kuschelige Adam Green wirkt heute eher wuschelig. Mit Vollbart und dunklen Locken wie Paul Breitner zu dessen wildester Zeit. Und mit herb brummelndem Bariton. Daneben die zarte Binki Shapiro mit lieblich verhaltener Samtstimme. „Pity Love“ ist ein hübsches Duett, das an „Something Stupid“ von Frank und Nancy Sinatra erinnert. Wie alles an etwas erinnert. „Casanova“ an einen Doo-Wop-Schaukler der Fünfziger. Zwischendrin glaubt man auch mal die Titelmelodie von „Raumpatrouille Orion“ zu hören. Der Sound ist metallisch schepperig, die Band wirkt unaufgeräumt und rumpelig. Adam Green hampelt wie Rumpelstilzchen, Binki Shapiro ringt um den Ton und singt manchmal haarscharf dran vorbei. „Bei „Nighttime Stopped Bleeding“ verlieren sie alle den Faden, der Song reißt ab. Green rettet die Situation charmant mit einer Münze und ein paar lustigen Zaubertricks. „It’s just illusion“, sagt er lächelnd, „not really magic!“ Nach einer etwas wackeligen guten Stunde ist es vorbei. Die Fans tosen. H.P. Daniels

KLASSIK

Hintersinnig: Rudolf Buchbinder

im Kammermusiksaal  

Klug mischt Rudolf Buchbinder in seinem Zyklus aller 32 Beethoven-Klaviersonaten Bekanntes und Unbekanntes, straft den „heroischen“ Beethoven durch den „heiteren“ Lügen. Auf dem Weg zum Gipfel des „Neuen Testaments der Klavierliteratur“, der „Hammerklaviersonate“ op. 106, ist so etwa die kaum wahrgenommene G-Dur-Sonate op. 31,1 zu entdecken. Welche Komplexität birgt da der Deckmantel der Harmlosigkeit! Ihren hintersinnigen Humor spielt der österreichische Pianist voll aus bei den nicht enden wollenden, rhythmisch gegeneinander versetzten Akkordschlägen des ersten Satzes oder der wunderbaren Bellini-Parodie des „Adagio“ grazioso“. Den vielstimmigen, hochvirtuosen Verwicklungen des Final-Rondos gibt er eine Flexibilität, die sie wie frisch improvisiert wirken lassen.

Diese Freiheit der Gestaltung, des atmenden, immer klangvollen Fortgangs macht auch op. 106 zum unerhörten Erlebnis. „Romantiker“ ist Beethoven für Buchbinder nicht im Sinne von Sentimentalität und noch nicht einmal purer Emotion, sondern im Sinne von Unbedingtheit, von Grenzüberschreitung. Wenn hier auch bei etwas reichlichem Pedalgebrauch nicht jede Figuration letzte Klarheit erhält, so ersteht andererseits das cis-Moll-Adagio als tiefgründige Klangfantasie mit nuancierter Farbpalette, gelingt eine atemberaubende Fuge. Ihre unerschöpfliche Energie deutete sich bereits im „kleinen“ F-Dur-Werk op. 10,2 an, zu dem eine leuchtende, liebenswürdige Fis-Dur-Sonate op. 78 den lyrischen Kontrast bildet. Isabel Herzfeld

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