KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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Foto: Katja Hesch
Foto: Katja Hesch

KLASSIK

Vertraut: Die „Perspectives Pollini“ bei den Festtagen der Staatsoper

Karten für die Festtage der Berliner Staatsoper sind nicht billig, aber dass die Philharmonie so schlecht verkauft ist, wenn Altmeister Maurizio Pollini Beethoven spielt, überrascht dann doch. Vielleicht liegt das daran, dass er bei seinen aus Luzern importierten „Perspectives Pollini“ den ungetrübten Blick auch auf die Moderne richtet. Salvatore Sciarrinos „Carnaval“ trägt eine schwere Bürde: Basierend auf chinesischen Texten zur Besonderheit der Stille im Gegensatz zum benommen machenden Lärm, wollen die Konzertstücke für fünf Gesangssolisten und ein Dutzend Instrumentalisten ein bisschen viel. Den philosophischen Überbau löst diese Art Programmmusik inhaltlich nicht ein. Dafür ist sie selbst zu geschwätzig, obschon die Neuen Vocalsolisten Stuttgart mit dem Klangforum Wien unter Tito Ceccherinis Leitung mit stupender Präzision alles tun, um dem Komponisten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Den Klavierpart überlässt der sichtlich älter gewordene Widmungsträger Maurizio seinem wachen Sohn Daniele.

Nach der Pause sitzt der Vater selbst am Klavier. Beethovens drei letzte Klaviersonaten spielt Pollini schon eine halbe Ewigkeit, seine Aufnahme hatte dereinst Referenzcharakter. In der Philharmonie leistet sich Pollini im Zwiegespräch mit seinem Komponistenfreund erstaunliche Schnitzer. Sei es, dass die Finger nicht mehr so beweglich sind wie früher oder dass der Pedalfuß schwerer wiegt – mit dem Musiker Beethoven ist der Musiker Pollini trotzdem verwachsen, geht frech über manches Unbedeutende hinweg und wird berührend, wo er Wesentliches zur Sprache bringt. Pollini steht seit 62 Jahren auf der Bühne, und es ist auch diese Lebensleistung, die Respekt abfordert. Der Saal jedenfalls feiert. Christian Schmidt

KLASSIK

Reflektiert: Henrik Nánási und

das Orchester der Komischen Oper

Feiertage sind für alle da – deswegen ist es erfrischend, dass die Komische Oper beim Karfreitagskonzert die christliche Deutungshoheit über den Umgang mit dem Fatum auch mal infrage stellt. „Soll ich mich dem Glauben in die Arme werfen?“, notierte Tschaikowski zwar zum 2. Satz seiner 5. Symphonie ins Tagebuch. Doch der Glaube, dem er sich der Komponist im Finale in die Arme wirft, ist letztlich der Glaube an die Kunst: Mit ihr vollbringt Tschaikowski das Wunder, eine bebende, körperlich spürbare Empathie selbst bei jenen Hörern zu erzeugen, die ihn bis heute wegen seiner Leidenschaften als Sünder abstempeln würden.

Bei aller Emphase verschweigt Henrik Nánási aber nie, dass Tschaikowskis Glaube an die Kunst reflektiert ist: Detailbewusst, oft fast sprachlich und in hervorragendem Kontakt mit seinen Musikern phrasierend vergisst er über der selbstvergessensten Kantilene nicht den sauber gearbeiteten Kontrapunkt – so sehr, dass man bisweilen einen halben Schritt von dem Tongemälde zurücktreten möchte, um die Pinselstiche etwas verschwimmen zu sehen. Vielleicht dürfte der neue Chefdirigent des Hauses es öfter wagen, loszulassen: So ist der dritte Sinfoniesatz, bei dem sich Nánási einem durchgängigen Tanzrhythmus unterwirft, eindrucksvoller als das Finale von Schumanns Klavierkonzert, dessen Tanzrhythmus er zu differenzieren sucht – und damit schwächt. Im wunderbar harmonierenden Dialog mit dem Solisten Gerhard Oppitz stimmen hingegen alle Farbwerte – und der orchestrale Schimmer, mit dem Oppitz sein Passagenwerk überzieht, leuchtet im Herzen noch lange nach. Carsten Niemann

KUNST

Zart: Eine Ausstellung des Künstlerbunds würdigt den Faden

Er ist der kleine Bruder der Linie und kann doch einiges mehr. Im Ausstellungsraum des Deutschen Künstlerbundes (Rosenthaler Str. 11, bis 5. 4., Di - Fr, 14 - 18 Uhr) spinnt sich zarter Faden über die Wände, hängen leuchtende Fäden von der Decke, löchert dicker Faden feines Papier. Seine dreidimensionalen Qualitäten machen ihn zu einem magischen Instrument, das von Künstlern durch alle Jahrzehnte und Medien genutzt wurde. Die kleine Ausstellung „Faden – Von der Komplexität des Unscheinbaren“ nennt, zeichnet ein reiches Bild dieser Liaison.

Es beginnt mit dem US-Bildhauer Fred Sandback, der ab den frühen siebziger Jahren Fäden von der Wand in den Raum spannte, um geometrische Formen zu bilden. „Zeichnungen, die man bewohnen kann“ nannte er sie, als Hinweis auf ihre Zwitterfunktion: halb Skulptur, halb zeichnerische Linie. Dieses Changieren ist der sprichwörtliche rote Faden der Schau, die auch nicht vergisst, an Annegret Soltau zu erinnern, die zur gleichen Zeit mit dem Faden experimentiert. In ihrem schwarzweißen Video verstrickt sie sich darin wie in einem Kokon. „In der Luft zeichnen“ möchte auch die Japanerin Chiharu Shiota, Jahrgang 1972, mit ihrem Markenzeichen, dem schwarzen Faden. Ihre Performance „During Sleep“ zeigt schlafende Menschen im Museum, deren Betten durch ein dichtes Netz vom Ausstellungsbetrieb wie abgeschnitten sind. Grenzt die fädige Konstruktion nun ab oder aus? Sind die voluminösen Kompositionen bloß luftiges Hirngespinst? Die 13 versammelten Künstler beantworten das jeweils auf ihre Weise. Karin Sander mit leiser Ironie, wenn sie den Faden am Papier festtackert und damit fesselt. Heike Weber mit sinnlicher Opulenz, weil sie aus Nägeln und farbigen Garnen wandfüllende Bilder entstehen lässt. Und Annebarbe Kau mit synästhetischen Experimenten. Ihre Verknüpfungen aus neonfarbenen Seilen à la „Down Under“ werden von einem leisen Sound begleitet, der sich ähnliche Freiheiten nimmt wie der Faden – weg von der Eindimensionalität, hin zur akustischen Autonomie. Christiane Meixner

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