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KLASSIK

Furchterregend: Daniel Barenboim dirigiert das Verdi-Requiem

Wer sich Verdis Requiem nähert, muss zumindest eine Frage klar beantworten können: Sollen von den Blechbläsern wirklich die Gräber aufgesprengt, die Toten von Chorattacken hochgestemmt und von Paukenwirbeln durch die wüste Welt getrieben werden? Oder ginge es nicht darum, den durchaus zarten Gefühlen, der Trauer und, ja doch, der Hoffnung Klang zu schenken? Inmitten seines Festtags- „Ring“-Zyklus sieht Daniel Barenboim sich von Tod umgeben und führt am Tag vor der „Götterdämmerung“ sein zweites Orchester, die Musiker der Mailänder Scala, durch Verdis Messe.

Quantus tremor est futurus – daran lässt der Maestro keinen Zweifel aufkommen. „Laut“ ist untertrieben für die Schalldruckwelle, die er durch die Philharmonie walzen lässt. Davon könnte man sich wohl wieder erholen, würde tatsächlich ein Gegenpol aufgebaut. Doch jenseits des fortissimo klingt das Scala-Orchester matt und schaukelt wie eine von tagelangen Karwochen-Prozessionen ermüdete banda durch die Partitur. Der Chor findet aus einem dramatischen Unisono nicht hinaus zu individuellem Klangsinn. So ruht alle Hoffnung auf den Solisten Maria Agresta, Daniela Barcellona, Fabio Sartori und René Pape. Doch durch die neuerliche Absage von Anja Harteros fehlt hier eindeutig der Fixstern. Da leuchtet es am Ende nicht, das „Libera me“, welches allen Klang gewordenen Schrecken überstrahlen soll. Den Abschied von unterkühlten Ostern macht dieses Requiem leicht – und weckt Hoffnung auf Pfingsten: Veni Creator Spiritus! Ulrich Amling

THEATER

Alternativlos: Henri Pousseurs

„Votre Faust“ im Radialsystem

1969, als Multimedia noch kein Alltagsbegriff war, mag die Idee, das Publikum über die Handlung einer Oper aktiv abstimmen zu lassen, einen verruchten Reiz besessen haben. Doch was heute anfangen mit Henri Pousseurs „Votre Faust“, der als erste Mitmach-Oper gilt? Der Dirigent Gerhardt Müller-Goldboom sowie das Regieduo Aliénor Dauchez und Georges Delnon wagen im Radialsystem den dritten Wiederbelebungsversuch in der Geschichte des Pionierwerks – wobei es sich streng genommen mehr um ein Schauspiel mit viel Musik handelt.

Dem Schauspieler Franz Rogowski gelingt die Balance zwischen Typisierung und Charakterisierung der Hauptfigur – eines Komponisten – so gut, dass sein Henri Empathie erzeugt und doch immer erkennbar Spielfigur bleibt. In hübsch absurdem Jahrmarktambiente bieten das Vocalconsort Berlin und das Ensemble „work in progress“ dazu Pousseurs farbenreiche Musik dar, die mit eleganten Übergängen zwischen serieller Webern-Nachfolge und collagierten Zitaten aus 500 Jahren Operngeschichte zumindest für anspruchsvolle Zerstreuung sorgt.

Als sich nach der Pause allerdings zu schnell herausstellt, dass die scheinbaren Handlungsalternativen völlig uninteressant sind und in der Inszenierung auch die Entscheidungen des Publikums manipuliert werden, beginnt man diesen Faust möglichst rasch in die Hölle zu wünschen. Es zeugt von dramaturgisch richtigem Instinkt der Zuhörer, dass sie die Gelegenheiten, eine Szene beim Aufleuchten einer Lampe mithilfe von Kuhglockengeläut zugunsten eines neuen Handlungsstrangs abzubrechen, stets nach den ersten Sekunden zu ergreifen versuchen. Zwar wird auch dieser Impuls vom Spielleiter ignoriert – doch immerhin wird auf diese Weise klar, wie sehr sich Pousseurs dramaturgisches Konzept mit seinen beschränkten Wahlmöglichkeiten in der interaktiven Gesellschaft überlebt hat. Carsten Niemann

KLASSIK

Oberflächlich: Julian Kuerti beim Deutschen Symphonie-Orchester

Es kommt nicht oft vor, dass Gastdirigenten Beethovens Fünfte interpretieren dürfen. Normalerweise ist die Schicksals-Sinfonie Chefsache. Weil jeder Maestro hier seine dialektischen Fähigkeiten unter Beweis stellen kann, wenn er These und Antithese zur mitreißenden Synthese verschmelzen lässt: das emotionale Feuer einerseits und das Raffinement der motivisch-thematischen Arbeit andererseits, also jener hohen Kunst, aus kleinsten musikalischen Bausteinen ein komplexes Tongebäude zu erschaffen. Doch Tugan Sokhiev, der neue künstlerische Leiter des Deutschen Symphonie-Orchesters, setzt in seiner ersten Saison andere Schwerpunkte, im russischen wie französischen Repertoire. Und so darf sich Julian Kuerti am Ostersonnabend in der Philharmonie die Fünfte mit dem DSO vornehmen.

Furchtlos, ja geradezu hemdsärmelig springt der junge Kanadier in den Eröffnungssatz, animiert die Musiker zu muskulösem, vorwärtsdrängendem Spiel. Das Titanische bei Beethoven vorzuzeigen, ist dann allerdings auch schon seine einzige Vision. Ein naiver Zugriff, der vordergründig Effekt macht – ein so waches, stilistisch neugieriges Ensemble wie das DSO aber doch deutlich unterfordert.

Zum Totalausfall werden Richard Strauss’ „Vier letzte Lieder“: Weil es dem Dirigenten partout nicht gelingen will, die bittersüße Atmosphäre dieses spätestromantischen Abschiedswerkes zu vermitteln, klingt das Orchester flach und farblos. Und auch die in Kennerkreisen eigentlich hoch geachtete Solistin Christine Brewer ist nurmehr ein Schatten ihrer selbst: scharf die Höhe, kurzatmig die Phrasierung, vom Text ist nicht ein Wort zu verstehen. Frederik Hanssen

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