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Todessehnsüchtig: Mozarts Requiem mit der Staatskapelle Berlin

Abschied und Ende überall. Die Staatsoper beschließt ihre Festtage in der Philharmonie mit letzten Werken von Mozart: Requiem und Klavierkonzert B-Dur, beide 1791 entstanden. Der Einzige, der partout keinen Abgang machen will, ist der Winter – ist das der Grund, warum Barenboim schon wieder das B-Dur-Konzert spielt, dessen Rondo-Thema Mozart auch für das Lied „Sehnsucht nach dem Frühling“ verwendet hat? Mit dem Werk ist Barenboim, wie mit allen Klavierkonzerten Mozarts, natürlich urvertraut, erst im Februar hat er es an gleicher Stelle gespielt. Auch jetzt: intimes Einverständnis mit der Staatskapelle, Blicke, Gesten, die alles sagen, ein Kunstgehäuse, in dem ein Augenaufschlag genügt, um dem musikalischen Fluss neue Richtung zu geben.

Auch der Abend nimmt nach der Pause eine neue Richtung – aber nicht ins Positive. Sicher, man kann, muss das Requiem im Konzertsaal aufführen. Längst ist das Werk profanisiert, ist sein sakraler Charakter, so er je existiert hat, in die zweite Reihe getreten. Was heute am Requiem fasziniert, sind die außermusikalischen Mythen und Legenden, die sich um seine Entstehung ranken. Gerade deshalb aber sollte eine Aufführung Dringlichkeit, Notwendigkeit vermitteln. Das fehlt hier. Der Staatsopernchor, vom reinen Klang her vorzüglich, verschenkt sein Potenzial. Die Balance mit dem Orchester klappert, das Ganze macht einen unausgegorenen, wackeligen, hastig geprobten Eindruck. Ja, da sind hochkarätige Solisten – vor allem Rolando Villazóns vertrauter, immer leicht flehender Operntenor fällt zwischen Maria Bengtsson, Bernarda Fink und René Pape sofort auf. Mehr als eine zusammengeschusterte Promi-Veranstaltung aber kommt am Ende dabei nicht heraus. Udo Badelt

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Spielwütig: Das Frühjahrskonzert des Landesjugendorchesters

Erst bei Laienensembles fällt immer wieder auf, wie schwer die meisten Werke des Repertoires wirklich sind. Wie kompliziert es ist, beim Marsch aus Tschaikowskis „Nussknacker“-Suite nicht nach vorn zu fallen, welche Konzentration eine Streichergruppe braucht, um rhythmisch vertrackte Passagen übereinanderzubekommen, oder wie gut Bläser zuhören müssen, um ein einheitliches Klangbild erzeugen zu können.

Dass diese Aufgaben das Landesjugendorchester Berlin professionell umsetzt, kann niemand erwarten. Aber es setzt in seinem Frühjahrskonzert im Konzerthaus mit dem „Meistersinger“-Vorspiel oder Schostakowitschs Varietéorchestersuite alles daran, über das Buchstabieren so weit wie möglich zum Musizieren hinauszuwachsen. Der Cottbuser GMD Evan Christ fordert, abgesehen von homöopathischen Tempi, viel von den Jugendlichen. Und deren Niveau ist beeindruckend: Hohe Streicher und Posaunen, Flötentrio und Saxofone leisten Erstaunliches, wie überhaupt das Holz durch einen bestrickend edlen Ton überrascht. Nur Cellosolist Johannes Przygodda überhebt sich ein wenig mit Tschaikowskis Rokoko-Variationen, die dann doch mehr Tiefe erfordern, als sie ein Zwanzigjähriger bei aller Konzentration auf die technische Bewältigung empfinden kann.

Jugendorchester haben es wegen hoher Fluktuation und unterschiedlicher Qualitäten der Mitglieder oft schwer, einen einheitlichen Ton zu finden. Doch gerade daran scheint Evan Christ am meisten gearbeitet zu haben: Die gemeinsame Freude am Gelingen mündet in einer regelrechten Spielwut, der man gerne zusieht. Zumal, wenn sie sich auch mit Genuss hören lässt. Christian Schmidt

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