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KLASSIK

Konzerthaus: Ivan Fischer dirigiert Brahms’ 1. Klavierkonzert

Eine ungnädige Kritik befand einmal über Ivan Fischer, dass er nur einzelne Phrasen dirigieren würde, nicht aber ganze Werke. Bei der Deutung von Brahms’ 1. Klavierkonzert durch den Konzerthausorchester-Chef ertappt man sich ganz kurz bei dem Gedanken, dass da vielleicht etwas dran sein könnte. Abgemessen lässt Fischer diesen Orchestersturm mit Pianoakzenten anrollen, ohne dass das Gefüge jemals wirklich in Wallung gerät. Dabei gibt es hörend viel zu entdecken, gewagt zarte Horneinsätze, filigrane Flötenlinien, Paukenwirbel jenseits aller Pauschalangebote. Der Dirigent lockt seine Musiker zu einer fein gefassten musikalischen Freiheit. Dafür opfert Fischer in seiner ersten Saison am Gendarmenmarkt auch dramatische Ausrufezeichen. Brahms’ kühner Wurf Richtung Symphonie klingt so mehr nach einer Riesenetüde, tastend ausgeführt, ohne zwingende Verzahnung der Klangschichten. Pianist Dejan Lazic beugt sich dieser Sicht widerstandslos, was seiner Integration in den Orchesterklang dient, eigene Interpretationsansätze aber ausblendet. Überzeugender wirkt Fischers pädagogischer Ansatz inmitten der preußischen Romantik von Mendelssohns „Sommernachtstraum“. Zwischen der schwebenden und tölpelnden Welt entdecken die hochgespannten Konzerthausmusiker und ihr Chef Nuancen voller Theatergeist. Als Dank werden sie von sommerlichem Feengesang umspielt, den Lenneke Ruiten, Olivia Vermeulen und die Damen des Rias-Kammerchors durch den Saal senden – aus der Orchestermitte, woher sonst (nochmals heute Samstag, 20 Uhr). Ulrich Amling

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