KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

ROCK

Halten Sie Ihre Hüte fest:

die Eels im Tempodrom

War die Ansage fürs Konzert 2005 im Postbahnhof noch: „Die Eels werden heute nicht rocken!“, sagt die Stimme im Tempodrom diesmal: „Halten Sie Ihre Hüte fest!“ Und dann rocken sie. Gewaltig. Erst Schlagzeug links außen, zwei sägende, kreischende Gitarren in blendendem Gegenlicht. Bass dazu. Dann springt Mark Everett auf sein „Leadsängerpodest“ und singt mit knarrender Stimme „Bombs Away“ vom exquisiten neuen Album „Wonderful, Glorious“.

Eine knallige Garagenband. Und sie nehmen gewaltig Fahrt auf, durch dreckig schlierige Rhythm-’n’-Blues-Gewässer. Alle, die mit mir auf Kaperfahrt gehen, müssen Männer mit Bärten sein, schien Everetts Devise für diese Tour zu sein. Und Sonnenbrillen müssen sie tragen und einheitlich dunkelblaue Trainingsanzüge. Und Spaß haben an der Veräppelung des großen Rockstargeweses.

Und trotzdem machen sie einen höchst variantenreichen Lärm. Ohne Schluderigkeiten, immer exakt auf den Punkt, mit einem besonderen Faible für die besten britischen Bands der 60er Jahre. Was sie zwischen Everetts eigenen Songs zu heftig krachenden Riffs oder zärterem Folkgedängel sehr aufregend vorführen mit tollen Versionen von Peter Greens „Oh Well“ und dem wunderbaren „Itchicoo Park“ der Small Faces. Anderthalb pralle Stunden mit drei traumhaft interagierenden Gitarren, starker Rhythmusgruppe, anrührendem Knarzgesang, exquisiten Songs. Ob Mark Everett seine Eels mit Streichern, Chor und Keyboards ausstaffiert oder, wie diesmal, ausschließlich mit brettharten Gitarren – immer ist es ein besonderes Vergnügen. H.P. Daniels

KLASSIK

Ohne Worte: Rolando Villazón

bei der Staatskapelle

Im Programm von Daniel Barenboim und seiner Staatskapelle dominiert nach den „Ring“-Anstrengungen der „Festtage“ am Montag das Anmutige. Selbst die gewichtigste Komposition, Mozarts Haffner-Sinfonie, war ursprünglich als Serenade geplant. Man freute sich besonders auf die Gegenüberstellung einer Tenorarie des zehnjährigen Mozart mit einer Komposition des mehr als zehnmal so alten Eliott Carter. Leider muss der von einer Erkältung geplagte Rolando Villazón nach den mit hörbar angestrengter Stimme vorgetragenen Mozart-Arien die europäische Erstaufführung von „A Sunbeam’s Architecture“ ausfallen lassen.

Dadurch gerät die so fein austarierte Dramaturgie des Abends etwas aus der Balance. Denn von Carter gibt es nun einzig das Concertino für Bassklarinette zu hören. Das in seiner klanglichen Faktur offenbar am späten Alban Berg orientierte Werk wird von Hartmut Schuldt und der Staatskapelle mit großer Souveränität vorgetragen.

Barenboims von der historischen Aufführungspraxis unbeeindrucktes Mozart- Ideal ist etwas aus der Mode gekommen, berührt aber vielleicht gerade deshalb auf ganz eigenartige Weise: Der appollinische, weich abgerundete und in den Streichern überaus warme Klang geht aber nie auf Kosten von Durchhörbarkeit und sorgfältiger Phrasierung. Allenfalls dem letzten Satz der Haffner-Sinfonie würde eine eckigere Artikulation nicht schaden. In der selten gespielten Sinfonia concertante mit vier Solobläsern beeindrucken unter anderem die sprudelnde Virtuosität von Matthias Glander (Klarinette) und die beseelten Melodiebögen des Oboisten Gregor Witt. Benedikt von Bernstorff

KLASSIK

Ex oriente lux: Howard Griffith

und das Bundesjugendorchester

Die beiden türkischen Musiker reißen den Abend dann doch noch rum: Plötzlich ist Leben in der Philharmonie, endlich verfliegt die steife Konzentration, die den ersten Teil geprägt hatte, und Lockerheit macht sich breit. Murat Coskun entlockt seiner scheinbar so schlichten Rahmentrommel eine ganz erstaunliche Vielfalt an Klängen – bis hinter ihm das Bundesjugendorchester sachte mit Ahmed Adnan Sayguns „Rituellem Tanz“ beginnt. Die Musik des 1991 verstorbenen Komponisten ist eine echte Entdeckung: exquisit instrumentiert, zuerst impressionistisch schillernd, dann von einem treibenden Trommelrhythmus dem effektvollen Höhepunkt entgegengetrieben.

Nach dem begeistert beklatschten Stück startet Coskun eine Perkussion-Session mit einem Dutzend der jungen Musiker, die erneut nahtlos in ein Orchesterstück übergeht, diesmal in die Ouvertüre zu Mozarts „Entführung aus dem Serail“. Zart und aufgeklärt lässt der Dirigent Howard Griffith die spielen – bis zur ersten Generalpause. Dann setzt türkischer Gesang ein. Es ist Derya Türkan, der nach der nächsten Mozart-Passage noch auf seiner Kemence, der Kastenhalslaute, spielen wird. Eine traditionelle Melodielinie, aus der sich schließlich das Thema von Ravels „Bolero“ herausschält, gefolgt von dem Wunschkonzertknaller in voller Länge und Klangfarbenpracht.

Orient trifft Okzident, Instrumentalisten unterschiedlichster Provenienzen kommen ins klingende Gespräch, Stilebenen verschlingen sich, der Konzertsaal wird zum Melting Pot – selten klang Crossover intelligenter. Frederik Hanssen

2 Kommentare

Neuester Kommentar