KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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POP

Herzschmerz und Eiskaffee:

Tubbe in der Berghain-Kantine

Was so ein paar Knicklichter doch bewirken können. Die kleinen Plastikröhren illuminieren den Saal der Kantine am Berghain in Gelb, Rot, Lila, Blau. Dazu spielt die Rave-Pop-Band Tubbe harte Beats zu sanften Zeilen, die Sängerin Steffi Jakobs in meist hoher Stimmlage vorträgt. Sie singt von gescheiterter und scheiternder Liebe, und auch hier geht es bunt zu: „Ich sehe Farben und du bloß zu viel Weiß / Das Leben ist kein Spiel – so ein Scheiß“, heißt es in „Liebe. Fertig“.

Tubbe ist ein Duo. Es besteht aus Jakobs und Klaus Scheuermann, kommt aus der queeren Subkultur und schlägt auf seinem gerade erschienenen Album „Eiscafé Ravetto“ einen sehr poppigen Weg ein. Ihr Elektropop-Punk-Schlager-Mix klingt stellenweise wie Marianne Rosenberg auf Acid. Live haben Tubbe eine starke Bühnenpräsenz. Das liegt zum einen an Jakobs, die eine gute Anheizerin abgibt, zum anderen an den variablen Beats von Scheuermann. Man würde sich jedoch etwas mehr Improvisation wünschen. Der Schlagzeuger, der das Duo unterstützt, ist zudem ein wenig verschenkt, weil er überwiegend nur die elektronischen Beats verstärkt. Die gut einstündige Albumpremiere gerät zu einem netten Abend, mehr nicht. Wenn Tubbe aber weiter am Sound tüfteln, könnten sie bald in die Liga von großen Elektropop-Acts wie 2raumwohnung aufsteigen. Jens Uthoff

KLASSIK

Vaporisierend: Michael Barenboim und die Kammerakademie Potsdam

Zwar gibt es im philharmonischen Kammermusiksaal „nur“ zwei Mozart-Sinfonien sowie sein viertes und fünftes Violinkonzert. Die Aufführungsoberfläche aber lenkt enorm ab: Einerseits stellt sich die Kammerakademie Potsdam vor, und zwar ohne Dirigent. Stattdessen leitet Daniel Giglberger das Orchester als Konzertmeister hervorragend an, die Füße verknotet unter dem Stuhl, um den eigenen starken Bewegungsdrang gleichsam am Boden zu halten.

Schon die einstmals als Ouvertüre zu „La finta giardiniera“ angelegte Sinfonie D-Dur zeigt, wie gut diese Konstruktion funktioniert. Die Streicher entsenden geradezu vaporisierte Klänge, lebhaft, sehr unsüß; von hinten ziehen die Hörner mit starken Gegenlinien am Gesamtbild. An Giglberger scheint ein Dirigent verloren gegangen zu sein. Und an Michael Barenboim, der für die Violinkonzerte auftritt, ein Sitzgeiger? Zumindest frappiert seine silbrige, unaggressive Tongebung, dazu die wenig expansive Art als Solist – nicht nur in der Angewohnheit, in aller Ruhe seinen ersten Ton auf der Saite zu finden, während hinter ihm das Orchestertutti tönt. Oder bei diesem gleich noch selbst mitzuspielen. Auch in der Verbeugepolitik schnappt der junge Barenboim nicht über, nur sekundenlang akzeptiert er Applaus auch für sich selbst. Für die Violinkonzerte, die nicht dazu angetan sind, den Solisten stark auszustaffieren, ist das eine vernünftige Herangehensweise. Unterdessen scheint das Orchester mitunter mehr Energie als Barenboim zu haben, so in der cymbalscharfen Episode im Finale des A-Dur-Konzerts und in der großen Unternehmung der B-Dur-Sinfonie KV 319 am Schluss. Christiane Tewinkel

POP

Alphabetmörder: Käptn Peng und die Tentakel von Delphi im Postbahnhof

Ein Fest war das, am Mittwoch bei der Record-Release-Party von Käptn Peng, und wer nicht da war, den bestraft bestimmt bald das Leben. Man durfte einiges lernen von der Berliner Band. Erstens: Raps zwischen den Songs können wie Gedichte klingen, wenn man sie mit der nötigen Ernsthaftigkeit vorträgt. Was Käptn selbstredend kann. Zweitens: Auch Bands, die kaum konventionelle Medienresonanz erfahren, machen Hallen wie den Postbahnhof voll, wenn sie gut genug und die Klickrate der irren Videos hoch genug ist. Drittens: Junge Menschen, die normalerweise keine Lust zum Auswendiglernen haben, singen klaglos komplizierte, küchenphilosophische Sprachkunstwerke mit, wenn die Beats stimmen und der Vortrag cool ist.

Viertens: Um jenen stimmigen Beat zu produzieren, braucht man kein teures Drumset. Die Tentakel von Delphi, Käptn Pengs Band, spielt auf selbst gebastelten Klangkörpern, und wenn sie könnten, würden sie auch noch Gitarre und Kontrabass schnitzen. Fünftens: Mit komischen Masken auf dem Kopf darüberrappen, dass man gemeinsam „das Alphabet ermorden“ will, wirkt wie eine dunkle Version der Sesamstraße – und könnte eine Marktlücke sein. Sechstens: Wenn man so groß ist wie Shaban, Pengs Bruder und Bandkollege, muss man sich weit genug wegstellen, sonst erschlägt man die anderen mit den fuchtelnden Armen. Ist aber nicht passiert, der Käptn und sein Bruder sind tentakelerfahren.Jenni Zylka

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