KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von
Foto: Jean Christophe Uhl
Foto: Jean Christophe Uhl

KLASSIK

Mit Leichtigkeit: Paavo Järvi

bei den Berliner Philharmonikern

Dass auch sein Name immer wieder genannt wird, wenn es um die Nachfolge von Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern geht, merkt man Paavo Järvi zu keiner Sekunde an. Kontrolliert und effizient federt der Maestro vieler Orchester am Donnerstag aufs Podium – und hat keine Scheu ein Programm zu dirigieren, dessen Kern echte Rattle-Ware bildet. Das könnte bei weniger gefestigten Dirigenten durchaus zu Originalitätsdruck führen. Doch Järvi, der es gewohnt ist, zwischen Bremen und Paris, Frankfurt und Cincinnati pendelnd Klassik zum pulsenden Erlebnis zu machen, zieht souverän seine Bahn. Natürlich hat er Beethoven dabei, dem er einen Gutteil seines Rufs verdankt. In New York wurde Järvis gefeierte Interpretation mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen gar als der „endgültige Beethoven“ zum klassischen Heiligtum verklärt.

Es spricht für Paavo Järvi, dass ihm der Erfolg nicht zu Kopf gestiegen ist. Beethovens 1. Symphonie lebt ganz aus dem Rhythmus, den der Dirigent – gelernter Schlagzeuger wie auch Rattle – perfekt zu steuern weiß. Doch die daraus resultierende drängende Frische ist längst in unserem Beethoven-Bild aufgegangen, wir setzen sie nach Harnoncourt, Zinman und Rattle quasi als gegeben voraus. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, treten die Schwächen von Järvis Lesart deutlicher hervor: Der große Steigerungsbogen wirkt vorzeitig ausgereizt – und vor allem bleibt die emotionale Tiefe weitgehend unangetastet. Hier hat Rattle weniger Hemmungen oder schlicht das größere Herz.

Davon hätte auch Hindemiths Violinkonzert mehr gebrauchen können. So schlüssig die Klangmassen organisiert werden, so unklar bleibt ihr Gehalt, auch wenn Frank Peter Zimmermanns Stradivari immer wieder Wärme verheißt. In Sibelius’ Fünfter flicht Järvi mit Leichtigkeit Huster in Generalpausen ein und fremdelt nicht nicht einen Augenblick mit den Sprödigkeiten der Partitur. Näher rückt sie uns auf diese Weise aber leider auch nicht (noch einmal am heutigen Samstag, 20 Uhr). Ulrich Amling

JAZZ

Scheppern und vibrieren:

Max Andrzejewski im Sowieso

Heute schon an morgen denken: Das heißt für junge Musiker, jeden Gig mitzunehmen, der sich bietet. Und so brettern Schlagzeuger Max Andrzejewski, Elias Stemeseder am Klavier und Mike Majkowski am Bass durch zwei Sets in der Neuköllner Bar Sowieso, die sich zu einem angesagten Ort für improvisierte Musik entwickelt hat. Das Heiligste jedes Jazz-Drummers, das große Becken, fungiert dabei als treibende Kraft: Andrzejewskis Schläge entfalten in atemberaubender Schnelligkeit einen Sog, der Bassist und Pianist immer wieder mitreißt. Gänzlich unbeschwert flattern Hände über Tasten wie nervöse Katzenpfoten, erzeugt Majkowski mit zitterndem Handgelenk am Bogen ein repetitives Scheppern auf den Saiten seines Kontrabasses.

Nicht die Ränder des individuellen Spiels gilt es zu erkunden, sondern Stück für Stück die Beschaffenheit des Instruments. Manchmal bearbeitet Jazzpreisgewinner Max Andrzejewski nur eine Trommel mit diversen Utensilien und lässt einen Käsehobel auf der Oberfläche vibrieren. Stemeseder etabliert erst Tongruppen, um die Noten dann in der Wiederholung leicht zu verschieben. Majkowski schraubt im vollbesetzten Sowieso mit springenden Fingern das Tempo hoch, um mit dem durchdringenden Becken die Komplizen wieder zur Räson zu rufen. Franziska Buhre

KLASSIK

Expressiv: das Delian Quartett

im kleinen Saal des Konzerthauses

Die Kombination Alter und Neuer Musik habe sich in ihren Programmen bestens bewährt, sagt Andreas Moscho zu Beginn des Recitals des Delian Quartetts. Der zweite Geiger ist eloquentes Aushängeschild der Formation, die sich in den nur fünf Jahren ihres Bestehens bereits in die oberste internationale Liga spielen konnte. Tatsächlich gibt es zwischen Henry Purcells „Pavane und Chaconne“ g- Moll und Dmitri Schostakowitschs Klavierquintett gleicher Tonart überraschende Übereinstimmungen im polyphonen Duktus und manchen chromatischen Fortschreitungen, doch vor allem im schmerzlich-strengen Ausdruck. Den spitzen die Delians – unter engagierter, manchmal etwas zu massiver Mithilfe des Pianisten Andreas Fröhlich – im Werk des Russen allerdings derart existenziell zu, dass Druck und Intensität des Spiels etwa im deftigen Scherzo den Klang an die Grenze zum Geräusch führen.

Wahrheit geht hier vor Schönheit, Streichquartett ist kein „Gespräch unter vier vernünftigen Leuten“ mehr, sondern äußerste klangliche Komprimierung erlebter Katastrophen. Der in sanften Sexten verklingende Schluss strahlt umso stärkere Beklemmung aus. Desgleichen weitet sich folkloristisch inspirierte Harmlosigkeit in Schostakowitschs Streichquartett Nr. 3 zum tieflotenden Drama, in zarten Violinrufen über glatten Klangflächen von Bratsche und Cello endend.

Bestrickend, wie Purcells einleitende „Fantasien“ F-Dur und e-Moll diese Entwicklung in munterer Beweglichkeit und erstarrenden Moll-Seufzern vorausnehmen. Selbst hier brechen die Musiker ihre klangschöne, vibratoarme Homogenität immer wieder individuell auf, punkten Bratschistin Aida-Carmen Soanea und Cellist Romain Garioud mit riesigem, farbenreichem Klangvolumen, das Primarius Adrian Pizaru mit bezwingend süßer Tongebung und feingliedriger Virtuosität überstrahlt. Isabel Herzfeld

0 Kommentare

Neuester Kommentar