KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

H. P. Daniels

POP

Let’s fetz:

Chuck Prophet im Comet Club

Ein Fetzen italienische Oper im Comet Club als Ouvertüre für Chuck Prophet & The Mission Express aus San Francisco. Dann fetzt es los mit einer dampfenden Version von Townes Van Zandts „Dollar Bill Blues“. Es ist das erste Konzert der Tournee. Vielleicht seien sie ja noch müde vom Jetlag, sagt Prophet, und dass sie zum ersten Mal mit neuem Drummer spielten. Doch alle sind hellwach, und der Trommler treibt die Gang nach vorne und stärkt mit dem stoisch coolen Bassisten Rusty Miller das Rückgrat einer formidablen Band. Vorne riffende Gitarren und die quirlige Orgel von Stephanie Finch. Prophet versteht es, die winzige Bühne mit größter Effektivität auszufüllen. Er bleckt die weißen Zähne, singt mit Shouter-Stimme, die in ihrem Näseln an Ray Davies erinnert, im Phrasing an Dylan. Er tänzelt wie ein Boxer auf engstem Raum und wringt exquisite Soli aus der Squier Telecaster. Er ist nicht nur ein brillanter Songschreiber, sondern auch ein atemberaubender Gitarrist. Er und sein Sidekick James DeVito spielen sich lässige Keith-’n’-Ronnie-Licks zu, shuffeln sich rein in Rhythm-’n’-Blues-Schlick, zitieren aus der Rockhistorie von Hendrix über Paul Kossoff, Mick Ronson und Thin Lizzy. Bis zu Jeff Becks psychedelischer Gitarrenfigur aus dem Yardbirds-Song „Over Under Sideways Down“. Aus einer Mixtur erlesener Einflüsse hat Chuck Prophet etwas berauschend Eigenes geschaffen. H. P. Daniels

POP

Let’s dance: Sinkane und

Konono No. 1 im Festsaal Kreuzberg

Was gibt es Neues in der Popmusik? Bei dieser Frage kommt man nicht vorbei an Sinkane, der Band des aus dem Sudan stammenden New Yorkers Ahmed Gallab. Vom ersten Beat an wird man auf einen anderen Planeten gekickt. Während Gallab das Material seines Studioalbums „Mars“ fast im Alleingang eingespielt hat, wird er im Festsaal Kreuzberg von drei Musikern unterstützt. Dabei entsteht ein Brodelsound, der nicht ganz die Intensität des Albums erreicht, aber staunenswerte Verbindungen zwischen Afrobeat, New-York-Tüftelrock und Clubmusik herstellt. Angetrieben wird die Band von Jason Trammel, dessen Schlagzeugspiel an Fela Kutis Tony Allen erinnert. Dazu ein Dub-Reggae-Blubber-Bass, flirrende Rockgitarren, klebrige Space-Funk-Keyboards und ein Falsettgesang wie von Curtis Mayfield. Das 50-minütige Set voller hypnotischer Momente klingt wie ein Versuch, am Mutterschiff von George Clinton anzudocken. Und mit dem Funkmonsterkracher „Runnin’“ als Schlusssong liefern Sinkane die Vorlage für die grandiosen Konono No.1 aus dem Kongo, die mit ihren elektrisch verstärkten Likembe-Daumenklavieren einen psychedelischen Wirbelsturm entfachen. Eine zauberhafte Scheppermusik, die im Verbund mit rastloser Perkussion und ekstatischen Wechselgesängen den Tanzboden zum Glühen bringt. Das restlos begeisterte Publikum wird immer tiefer in diese hochenergetische, an Acid-House erinnernde Trancemusik hineingezogen. Volker Lüke

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