KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Sieghaft: Juan Diego Flórez

in der Deutschen Oper

Das Haus gerät in einen Zustand ungezähmter Euphorie, wenn der Tenor Juan Diego Flórez mit seinem hohen C triumphiert. Dabei ist sein Programm in der Deutschen Oper so angelegt, dass es nach Zugaben schreit. Nicht zu lang, anfangs Händel-Arien, seriös, mit Hinweisen auf die Hits des Sängers wie etwa der Ouvertüre zu Donizettis „La fille du régiment“, welche als Geschenk nach dem offiziellen Teil die Arie mit ihrer berühmten Salve von Spitzentönen verheißt.

Die Trommel rührend, fasst das Orchester unter der geschmeidigen Leitung von Yves Abel die Musik naturgemäß eher komödiantisch als militärisch auf, und nach einem der drei Zarzuela-Gesänge erklingt aus dem Saal der sympathische Ruf „Bravi“. Denn der Dirigent und die Musiker, die den Solisten begleiten, setzen sich entschieden für die Raritäten ihres Repertoires ein. Ins Italienische übertragen, schreibt sich die „Martha“ von Friedrich von Flotow als „Marta“, und in dieser Version, die auch Caruso gern gesungen hat, trägt Flórez den Klassiker der Tenöre „M’appari“ (Ach, so fromm, ach so traut) mit feiner Expressivität vor.

Der Star schäkert nicht mit seinen Fans. In schmalem, korrekten Frack mit großer weißer Schleife, der als Meisterwerk der Schneiderkunst auffällt, steht er, singt und siegt. Besonders schön in der Phrasierung ist die Cavatine „Je veux encore entendre“ aus der Oper „Jérusalem“, einem „I Lombardi“-Remake von Giuseppe Verdi – mit hohem C. Obwohl die Stimme des 40-jährigen Juan Diego Flórez keinen Ton verfehlt, singt er mit Attacke und Mut. Und jeder weiß, dass der populärste Verdi als Zugabe nicht fehlen darf: „La donna è mobile.“ Sybill Mahlke

PERFORMANCE

Sexy: Die „Untitled Feminist Show“ im HAU 2

Viele halten den Feminismus für eine Spaßbremse. Deshalb erstaunt es, dass die koreanisch-amerikanische Regisseurin Young Jean Lee ihre Performance als „Untitled Feminist Show“ ankündigt. Der Weiberabend fand im Rahmen der Reihe „Precarious Bodies“ im HAU 2 (noch einmal heute 20 Uhr) statt – doch dass die Frauen heute fast alle ein prekäres Verhältnis zu ihrem Körper haben, konnte man während dieser vergnüglichen Revue mal vergessen. So frech und witzig, so verspielt und gewagt waren die Darbietungen der sechs Performerinnen, dass bald schon eine ausgelassene Stimmung im Zuschauerraum herrschte. Die Darstellerinnen – zwei afroamerikanische und vier weiße Frauen – sind während der gesamten Performance nackt. Ihre Körper entsprechen zwar nicht gerade den herrschenden Schönheitsnormen, doch sie treten mit einer wunderbaren Unbekümmertheit auf. Und schütteln ihren Speck – durchaus in kritischer Absicht. Ein Blick auf den nackten Körper, der frei ist von allen Zuschreibungen - das ist die Utopie des Stücks. Und die Frauen legen sich ins Zeug, um die stereotypen Geschlechterbilder durcheinanderzuwirbeln. Sie lassen die rosa Schirmchen kreisen und posieren wie neckische Revue-Girls. Anfangs feiern sie ein archaisches Ritual und knien nieder vor der großen Venus. Burlesque-Star Lady Rizo flirtet unverschämt mit den Zuschauern und deutet Sexpraktiken für Fortgeschrittene an. Einmal wird das wilde Weib entfesselt – doch auch die Schreckensbilder der Frau weichen bald dem kollektiven Gelächter. Sandra Luzina

KLASSIK

Sanftmütig: Magdalena Kožená

in der Staatsoper

Darf man die beiden Lokalmatadoren nennen? Sagen wir lieber so: Zwei Weltstars mit Wohnsitz in Berlin geben einen maximal anspruchsvollen Liederabend – und der Andrang ist derart groß, dass am Freitag noch Stühle auf die Bühne des Schillertheaters gestellt werden müssen. Magdalena Kožená und Daniel Barenboim haben viele Fans in Berlin. Staunend und still lauschen die der tschechischen Mezzosopranistin, wenn sie mit stupendem Stilgefühl vier sehr individuelle Klangwelten durchschreitet. Béla Bartóks „Dorfszenen“ werden da zur musikethnologischen Goldschmiedearbeit: archaische Melodien, grundiert von expressionistischem Tastenspiel, Volksmusik-Findlinge, harmonisch modern eingefasst.

Sehr vertraut ist Kožená auch die Ästhetik der französischen Moderne: In Debussys „Ariettes oubliées“ erforscht sie – immer ganz nah an der Sprachmelodie – das musikalische Potenzial der Verlaine-Verse, findet sinnliche, geheimnisvolle Untertöne, in allen Schattierungen des Leisen. Für Ravels „Chansons maudécasses“ treten die Flötistin Claudia Stein und die Cellistin Sennu Laine hinzu, vor dem inneren Auge entsteht das Bild eines exotischen, von weißen Usurpatoren bedrohten Paradieses. Karg wie die Natur am Ende eines griechischen Sommers ist Barenboims Klavierklang bei Haydns „Arianna a Naxos“-Kantate, die Kožená souverän als klassizistisch sublimierte Verzweiflungsszene gestaltet. Das begeisterte Auditorium erklatscht sich drei Zugaben. Frederik Hanssen

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