KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

OPER

Sophiensäle: Miika Hyytiäinen verkomponiert eine Lapplandreise

Dass ein GPS Positionen genau bestimmen kann, geht auf Wissenschaftler wie Pierre Loius Moreau de Maupertuis zurück, einen französischen Mathematiker, der im 18. Jahrhundert bei einer Lapplandexpedition die Abflachung der Erdkrümmung berechnete. Er inspirierte den finnischen Komponisten Miika Hyytiäinen und den Librettisten und Regisseur Jaakko Nousiainen zu „La Figure de la Terre“. Die Handlung des in den Sophiensälen uraufgeführten Musiktheaters ist überschaubar: Maupertuis trifft in Lappland auf Christine Planström, ebenfalls eine historische Figur. Sie verlieben sich ineinander, und sie folgt ihm nach Paris, wo die Liebe an den Konventionen zerbricht. Kulturelle Identität sollte Thema sein, doch erschreckende Stereotypen müssen es verhandeln: Christine (Estelle Lefort), eine blondgezopfte Landpomeranze in lappischer Tracht, hüpft, regellose Naturlaute von sich gebend, vor einer nordischen Landschaftsprojektion umher. In den steifen Reifröcken des mondänen Pariser Salons wirkt sie dagegen lächerlich. Maupertuis (Mathias Monrad Møller), ihr Gegenstück in Eroberermontur, singt bei seiner Ankunft barocke Arienfragmente mit narkotischer Spannungslosigkeit. Erdrutschartig gleitet ihm die instrumentale Begleitung unter den Füßen weg – auch er steht nicht auf heimischem Terrain. Der Konflikt der Liebenden spiegelt sich in einem Irrgarten von Rameau-Mikrozitaten, in dem sich das Streichtrio hoffnungslos verliert. Die Interaktion zwischen Mann und Frau: unglaubwürdiges Stehtheater. Da können auch animierte Regenbogen, Schneeflocken und geometrische Figuren nicht helfen. Musikalisch und szenisch ein Ausbund an primitiven Klischees (wieder 18.-20.4.). Barbara Eckle

FOTOGRAFIE

Willy-Brandt-Haus: Rudolf Holtappel verehrt den arbeitenden Menschen

Mal sind es Stahlarbeiter, mal Näherinnen, mal spielende Kinder oder tratschende Hausfrauen. Und doch liegt der Blick auch immer auf der Ruhrindustrie. Anlässlich des 90. Geburtstags von Rudolf Holtappel zeigt das Willy-Brandt-Haus seine Arbeiten aus den Jahren 1953 bis 1973 (Stresemannstr. 28, bis 24. 4.; Di-So 12-18 Uhr). Die kleinformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen Alltagsszenen einer Welt, die es so nicht mehr gibt. Zechentürme, qualmende Kokereien und Stahlgerüste sind ebenso gegenwärtig wie Arbeitersiedlungen und Schrebergärten. Die Motive wirken melancholisch und atmosphärisch, aber nicht trostlos. Aus Holtappels Fotografien spricht der Respekt, den er für die Menschen dieser Region empfindet. Land und Leute scheinen dort miteinander verwoben zu sein, stärker als anderswo. Dies wird in dem Bild „Kohlenhalde“ besonders deutlich. Ein Mann liegt im Liegestuhl seines Gartens, direkt hinter dem Gartenzaun türmt sich ein tiefschwarzer Kohleberg. Ob im Stahlwerk oder im Supermarkt, auf dem überfüllten Sportplatz oder der leeren Wohnstraße, auf dem Taubenmarkt oder in der Hutabteilung, immer sind es die Menschen, die den Orten eine Seele verleihen. Und immer ist es der Alltag, der vom wahren Leben erzählt. Jennifer Lynn Erdelmeier

KLASSIK

Radialsystem: Walter Steffens vertont ein Bild von Gerhard Richter

Selbst die größte Halle im Radialsystem fasst nur 300 Plätze, wenn darin ein großes Sinfonieorchester Platz nimmt. Bei der von Bayer finanzierten Uraufführung des „Violinkonzertes 555“ von Walter Steffens bleiben trotzdem etliche frei. Steffens, selbsternannter Spezialist in Sachen „Bildvertonung“, wählte das „Abstrakte Bild“ mit der Nummer 555 aus der Gerhard-Richter-Sammlung des Pharmariesen aus, um es in Musik zu fassen: Der Grundgedanke, dazu gegenständliche Assoziationen zu thematisieren, wirkt schon an sich absurd. Die weit hergeholten Deutungen, die sich ergaben, als Steffens das Bild vier Mal um 90 Grad drehte, machen die Sache nur abstruser. Was als fünfteiliges Werk schließlich herauskommt, könnte man als programmatische oder absolute Musik verstehen – Wesentliches zu sagen hat sie in ihrem assoziativen Gestus nicht. Das Deutsche Symphonie-Orchester unter Martyn Brabbins verleiht dem rein Deskriptiven dieser irgendwo zwischen Korngolds Filmidiom und oktatonischer Skalentreue irrlichternden Musik zwar gewisse Reize; besonders Violinsolistin Alina Pogostkina absolviert ein unglaubliches Pensum hochvirtuoser Passagen. Nur: wozu?

Ganz anders dagegen Edward Elgars „Enigma-Variationen“, auch Programmmusik, aber mit Substanz. Im Humorsog seines britischen Dirigenten spielt sich das DSO hier richtig frei und wächst einmal mehr über sich hinaus. Absolute Punktgenauigkeit im Zusammenspiel und hervorragende Soli retten den Abend. Christian Schmidt

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben