KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

KLASSIK

Feurig: Marcus Creed und

die Akademie für Alte Musik
 

Wie mutlos klassische Konzertprogramme oft sind, merkt man erst, wenn ein Orchester doch einmal eine Alternative wagt. Nichts weniger als eine ganze klassisch-frühromantische Parallelwelt ist es, die die Akademie für Alte Musik, der Dirigent Marcus Creed und die Pianistin Christine Schornsheim ihren neugierigen Hörern im Konzerthaus aufschließen. Beethovens erster Symphonie nähert man sich nämlich nicht auf dem ausgetretenen Pfad von Haydn über Mozart: Stattdessen stellt man dem Stück Werke von Komponisten voran, die teils mit Beethoven und sämtlich untereinander in Beziehung standen und darüber hinaus für preußische Musikkultur eine wichtige Rolle spielten.

Als verfolge man eine Reihe von spannenden Uraufführungen, genießt man die Gelegenheit, eine feurig und differenziert vorgetragene Symphonie des Revolutions-Sympathisanten und preußischen Hofkapellmeisters Reichardt zu hören, E.T.A. Hoffmann als Gluck-begeisterten und dramatisch versierten Ballettkomponisten kennenzulernen, ein zwischen nord- und süddeutscher Klassik schwebendes Klavierkonzert Johann Gottlieb Naumanns zu erleben und sich überdies von der geistigen Verwandtschaft zwischen dem Prinzen Louis Ferdinand und dem frühen Beethoven zu überzeugen. Lediglich die Entscheidung, das Konzert Naumanns (der als Glasharmonika-Virtuose einen Sinn für ätherische Instrumente hatte) auf einem originalen Tangentenflügel von 1790 zu spielen, erweist sich als überambitioniert. Da verlieren sich schon im 1. Rang die feinen, an Zitherklänge erinnernden Schattierungen des Instruments, so dass den Hörer oft nur noch cembaleske Virtuosität erreicht. Carsten Niemann

KLASSIK

Engagiert: die Berliner Symphoniker

in der Philharmonie

„Lior Shambadal ist seit 1997 Chefdirigent der Berliner Symphoniker“: Das liest sich leicht und erfreulich im Sinn einer schönen künstlerischen Partnerschaft. Es grenzt aber an ein Wunder, bedenkt man, dass sich die Symphoniker in der achten Saison ohne staatliche Zuschüsse behaupten. 2004 hat der Senat das Orchester abgewickelt. Und es musiziert doch!

Möglich wird das Unglaubliche durch das Engagement der Mitglieder ohne festen Vertrag, des ehrenamtlichen Intendanten Jochen Thärichen, des Fördervereins. Hans Maile hilft als Konzertmeister. Die Berliner Konzerte finanzieren sich wesentlich aus den Erträgen von Tourneen. Das bedeutet immerhin, eingeladen zu werden nach Japan und China!

Dass die treuen Abonnenten ihr „freies“ Orchester schätzen, ist in der Philharmonie zu spüren. Shambadal, der Maestro aus Tel Aviv, verbindet Präzision und klare Tempovorstellung mit Vitalität. Es ist sein Geheimnis, wie er unter den schweren Arbeitsbedingungen den chorischen Wohlklang der Streicher erhält. Bei den Kontrabässen bezaubert dieser Zusammenhalt, wenn sie allein spielen im Adagio der Zweiten von Bruckner, die auch den Bläsern gehört. Das lyrische Werk mit den vielen Generalpausen wird erstaunlich selten gespielt. Insofern sind die Symphoniker-Konzerte etwas für Neugierige. Das gilt auch für „Tabula rasa“ von Arvo Pärt mit präpariertem Klavier.

Den Auftakt, zugleich Höhepunkt, bildet Mozarts „Sinfonia concertante“ mit zwei bezwingenden Solisten: der Geigerin Livia Sohn und dem Bratscher Barry Shiffman. Jeder dem Wesen seines Instruments hingegeben, lassen sie mit interessantem Melodiespiel dunkle und helle Farben leuchten. Sybill Mahlke

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben