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KLASSIK

Sound der Steppe: Guy Braunstein und Daniel Barenboim im Konzert

Im Sommer hört Guy Braunstein auf als Konzertmeister der Berliner Philharmoniker. Doch er ist dem Berliner Publikum damit nicht verloren, im Gegenteil. Am Dienstag im Kammermusiksaal gab es schon mal einen Vorgeschmack darauf, welch wunderbarer Solist künftig die Szene bereichern dürfte. In der neuen Reihe „Konzertmeister konzertieren“ trat Braunstein mit seinem Mentor und Wunschpartner Daniel Barenboim am Klavier auf.

Drei Sonaten für Violine und Klavier, drei Möglichkeiten, mit schillernder Farbigkeit und dramatischer Erzählkraft zu punkten. Braunstein greift zu, führt seine Geige in Debussys g-Moll-Sonate ohne Umstände von einem ätherisch-durchsichtigen zu einem festen, kernigen Klang. Satt, reif, melancholiegetränkt dann die Violinstimme im ersten Satz von George Enescus Sonate op. 25, der zweite Satz, das Andante, gerät zum Höhepunkt des ganzen Abends: dürrer Strich, aschfahl, splittrig, so senkt sich die Einsamkeit der rumänischen Steppe über den Saal, bevor die Musik umschlägt in tief empfundene, verzweifelte Lebenslust, in die weinende Fröhlichkeit der Zigeuner. Daniel Barenboim hält gut mit, setzt mit griffigen Akkorden immer wieder eigene Akzente. Er und Braunstein harmonieren hervorragend, ein Paar, das exakt gleich zu fühlen scheint, das in Enescus leisen Klangwolken versinkt, ohne sich darin zu verlieren.

Dann die letzte Sonate in Es-Dur, die einzige für Violine, die Richard Strauss komponiert hat – da war er erst 23. Es ist alles schon da, der Till Eulenspiegel, der Don Juan, der Zarathustra – nur noch nicht völlig frei entfaltet, ein Genie kurz vor dem Ausbruch. Trotzdem blühen auch hier schon üppig die Melodien, und Guy Braunstein spielt sie süffig, entspannt, gelöst, nimmt auch die vertracktesten Stellen lässig und souverän. Sicher, seine etwas behäbige Gestik ist auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig. Aber sein grundehrliches Musizieren, ohne jegliche Show, nimmt völlig für sich ein. Auch den ausverkauften Saal: Bei so einem langen, offenherzigen Applaus kann man schon von Liebe sprechen. Udo Badelt

Am 20.6. spielt Konzertmeister Daniel Stabrawa mit Rafal Blechacz.

KLASSIK

Halblaut: Paul Lewis spielt Schubert beim Berliner Klavierfestival

Es ist ein Programm für Liebhaber, für zarte Schwelger, für Herbstzeitliche im Frühlingsdrängen: Franz Schuberts letzte drei Klaviersonaten, entstanden in den finalen Lebensmonaten des syphiliskranken Komponisten, laden zum ultimativen Blick auf das ein, was wir stark vereinfachend Leben nennen. Schubert reißt einem das Herz auf, auch wenn er sterbend längst weiß, dass er keinen Trost für die daraus entstehenden Wunden weiß. Das enthusiastische Publikum des Berliner Klavierfestivals im kleinen Saal des Konzerthauses wirkt bereit für alle Zumutungen, die der früh abgeschiedene späte Schubert bereithält.

Paul Lewis ist es nicht. Der Pianist aus Liverpool wendet sich nach seinen Beethoven-Einspielungen jetzt erneut Schubert zu, der trotziger und zugleich trockener klingt als je zuvor. Das mag eine Taktik sein, nicht in eine sentimentale Tonfallfalle zu tappen. Geschützt von einem nur schwer durchdringlichen Mezzoforte-Panzer startet Lewis in die c-moll- Sonate, deren innere Bewegtheit an die stoische Haltung des Pianisten brandet. Das könnte funktionieren, wenn sich der Klang plötzlich einmal weiten, leuchten, bezaubern dürfte.

Doch Lewis, der 40-jährige Schüler Alfred Brendels, hält die bildgebende Macht der Klänge an der kurzen Leine. Das harmoniert noch am besten mit der Lakonie der mittleren A-Dur-Sonate, auch wenn die Wiederholungen hier durchaus als Einladungen für Variationen verstanden werden könnten. Im trittsicheren Mezzoforte wird auch der letzte Gang bestritten und dem Unausweichlichen ins Antlitz geblickt. Lewis könnte jetzt weich werden, aber die Brüchigkeit der Form ist ihm Drama genug. So etwas hätte Beethoven nie komponiert. Der feingliedrige Brite liefert Schubert keiner waidwunden Bewunderung aus, unterschlägt aber entscheidende Nuancen. Ulrich Amling

Mit Konzerten von Yevgeny Sudbin am Freitag und Benjamin Grosvenor am Sonntag geht das 2. Berliner Klavierfestival im kleinen Konzerthaussaal zu Ende.

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