KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

ROCK

Sechs Freunde sollt ihr sein:

Matthew E. White im Privatclub

Für sein Debüt „Big Inner“ hat Matthew E. White kürzlich jede Menge Jubelkritiken eingeheimst. So eine Chance muss ein Musiker heutzutage nutzen und auf Tournee gehen. Problem: Beim Einspielen der sinfonischen Gospelsoulsongs im heimischen Richmond, Virginia, halfen ungefähr 35 Freunde. So etwas sprengt den Rahmen jeder Tourlogistik, weshalb der hünenhafte Vollbartträger im Privatclub mit sechsköpfiger Kernbesetzung auftritt: Orgel, Bass, Schlagzeug, Pedal Steel, Flaschenpercussion – und White an der E-Gitarre. Aber: keine Streicher, keine Bläser, kein Chor. Folgerichtig werden die auf Platte in himmlische Sphären entschwebenden Songs auf den Bühnenboden der Tatsachen geholt. Alles klingt erdiger, wurzeliger. Whites plüschiger Bariton kämpft bei „Will You Love Me“ mit dem unsortierten Mix, strahlt aber beim Tonartwechsel der Bridge in voller Schönheit. Magisch wird es, wenn sich die wackeren sechs an Kollektivimprovisationen berauschen wie im fiebrigen Voodoo-Finale von „Big Love“. Bisweilen erinnert der kompakte Sound an Südstaatenrocker wie Lynynrd Skynyrd oder den Schreddergroove von Neil Young, dessen „Are You Ready For The Country“ sie beherzt ins eigene Idiom übertragen. Die reduzierte Komplexität wird durch Spielfreude wettgemacht, wobei sich insbesondere Drummer Pinson Chanselle mit wirbelnden Gliedmaßen in Trancezustände versenkt. Und White? Sieht glücklich aus wie ein großes Kind, das zum ersten Mal die weite Welt mit staunenden Augen betrachtet. Leutselig plaudert er über dies und jenes und lädt jeden, der mag, nach Richmond zum Biertrinken ein – man möchte wetten, dass er dieses Versprechen einhalten würde.Jörg Wunder

KLASSIK

Spätes Glück: Christian Zacharias

und das DSO in der Philharmonie

Der erste Paukenschlag von Joseph Martin Kraus’ Symphonie funèbre für Gustav III. von Schweden muss ein Schock sein: unerbittlich wie jener Pistolenschuss, der den König während eines Maskenballs traf. Unter dem Dirigat von Christian Zacharias kündigt die Pauke hingegen nur das Nahen des Trauerzugs an. Spannungslos schleppt sich das ausschließlich aus langsamen Sätzen bestehende Werk über weite Strecken in der Philharmonie dahin. Wenig besser ergeht es Mozarts Klavierkonzert Nr. 15, bei dem Zacharias das Deutsche Symphonie Orchester vom Soloinstrument aus dirigiert. Zwar entlockt er dem Flügel einen ansprechenden, singenden Ton, doch die Ritornelle und besonders die Streicher bieten lediglich Alltägliches. Thomas Hecker, der junge Solo-Oboist, rettet den Abend schließlich mit Mozarts Oboenkonzert, trotz leichter Nervosität hier und da. Bemerkenswert schon der berühmte lange Spitzenton der Anfangsphrase. Hier ist ein Musiker zu hören, der leicht und doch energetisch, mutig, intelligent und noch im Pianissimo modulationsreich zu spielen weiß. Bei Haydns experimenteller 80. Symphonie, deren Anfangstöne Zacharias keck in den Applaus hineindirigiert, wirkt dann auch der Mann am Pult formal stringenter und gelöster zugleich. Carsten Niemann

KLASSIK

Schonzeit: das Mandelring-Quartett

im Kammermusiksaal

Streichquartette sind Operationen am offenen Herzen. Sie legen den Puls des Lebens bloß, das zittrige Pochen, den wilden Galopp vor panischem Glück und rasendem Schmerz. Das Mandelring-Quartett hält sich eher bedeckt. Betörend der homogene Schmelz, die Eleganz noch bei forschem Tempo und ineinander stürzenden Kaskaden. Aber schon Mendelssohns eMoll-Quartett op. 44 Nr. 2 wünschte man sich weniger gediegen. Auch Bartoks 3. Streichquartett und Beethovens Spätwerk op. 131 präsentieren die vier als Klangfluss, ohne Hochspannung, ohne den Wahnsinnsblick ins Jenseits, den Beethovens cis-Moll-Quartett riskiert. Dem Mandelring-Ensemble ist alles geheuer, ihr Spiel bleib leichtfüßig, noch im Drama verhalten. Warum so nachgiebig bei den unbetonten Taktteilen, warum keine Widerhaken? In Beethovens sechsteiligem Werk, das den Formenkanon seiner Zeit radikal sprengt, reißt die Hölle auf – und der Himmel. Nichts da, dieser Abend im Kammermusiksaal ist ganz von dieser Welt. Bis auf die Mendelssohn-Zugabe, das Andante aus op. 44 Nr.1: ein Kleinod an Innigkeit, dass einem das Herz stehen bleibt, wenigstens für einen Moment. Christiane Peitz

0 Kommentare

Neuester Kommentar