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KLASSIK

Klangmalerisch: Lutoslawski und Dutilleux mit den Philharmonikern

Wenn Musik vom Chaos zur Ordnung gelangen will, wie es Witold Lutoslawski gegen die Aleatorik von John Cage vorschwebte, ist damit so gut wie nie die Ordnung der Physik gemeint. Die möglichst gleichmäßige Verteilung von Elementen in einem geschlossenen System ist genau das, was dem melodiegewohnten Ohr am wenigsten einleuchtet. In den sich schroff überlagernden Zwölftonklippen, mit denen Lutoslawskis Doppelkonzert für Oboe, Harfe und Kammerorchester (1980) in den Streichern einsetzt, steckt aus mathematischer Sicht denn auch zunächst ein höheres Maß an Ordnung als in den sarkastisch aufblitzenden Marschklängen am Ende. Von der Entmischung des Materials – und der anfänglichen Trennung von Soloinstrumenten und Orchester – schreitet Lutoslawski fort zu einer militärisch anmutenden Form; aus disparaten Brocken organisiert sich eine bewohnte Welt. Wunderbar klangvernarrt ist das. Pizzicato-Würmer rollen in Massen durch die Geigen, Vibraphonnebel verschlucken das Geschehen, und das Holz des Xylophons versöhnt sich mit dem Metall des Glockenspiels. Doch erst der Oboist Jonathan Kelly und die Harfenistin Marie-Pierre Langlamet, beide Mitglieder der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle, machen mit hochvirtuosen Spaltklängen und perkussiven Effekten daraus ein betörendes Stück Musik, das alles Konstruktive hinter sich lässt. Der Höhepunkt des Abends ist indes Henri Dutilleux’ Violinkonzert „L’arbre des songes“ (1985) mit Leonidas Kavakos, dem derzeitigen Artist in Residence. Ein Fest postsymbolistischer Klangmalerei, aus dem Rattle Farbe um Farbe zupft. Ein Delirium tremens motivischer Verdickungen und Verflüssigungen. Ein Werden und Vergehen, in das Kavakos stichwortgebend eintaucht, um sich dem Cimbalom, dem osteuropäischen Konzerthackbrett, fahl schattiert anzuverwandeln, bevor er mit neuen Ideen aus der Haut des Orchesters schlüpft. Der griechische Geiger tut das mit einem nüchternen Glühen, das Dutilleux’ Bestreben, die konventionellen Rollen von Solist und Orchester aufzuheben, sehr viel mehr gerecht wird als vordergründig expressivere Interpretationen. Nach diesem Glanzstück absoluter Musik hat es Beethovens sehr viel illustrativer wirkende sechste Symphonie, die Pastorale, schwer – nicht nur, weil man sie in- und auswendig zu kennen meint. Doch so elegant, wie Rattle Dutilleux’ Farbenlehre beherrscht, so kraftvoll leuchtet er auch noch einmal Beethovens ländliche Szenerien aus. Wenn es im vierten Satz zu stürmen beginnt, zieht man erst einmal den Kopf ein vor so viel Naturgewalt. Das schafft nicht jeder. Gregor Dotzauer

CROSSOVER

Verhuscht: Nigel Kennedy mit Bach und Fats Waller im Konzerthaus

Nigel Kennedy hat schon immer sympathisch-stur sein Ding gemacht. Jetzt also: Das Album „Recital“ (Sony Classical) mit Musik von Johann Sebastian Bach und Fats Waller. Zwingende musikalische Gründe, den Barockkomponisten und den Jazzer aus Harlem zusammenzuspannen, gibt es nicht – nur Kennedys Leidenschaft für beide. Im Fall von Bach macht das sehr viel Sinn, sein Lehrer Yehudi Menuhin liebte Bachs Musik für Violine Solo, die dessen Lehrer George Enescu überhaupt erst für ein breites Publikum wiederentdeckt hatte. Im Programmheft zieht Kennedy ganz schön über die meisten Interpreten vor ihm her, einschließlich des seltsamen Vorwurfs, Spezialisten hätten Bach „in ein verdünntes und verweichlichtes Ghetto“ geschoben“ (Wie bitte?). Gemessen daran darf man getrost sagen, dass er mit seiner eigenen Interpretation der zweiten Solosonate a-Moll BWV 1003 im Konzerthaus auch nicht wirklich eine Ahnung von der Tiefgründigkeit barocker Musik vermittelt. Ja, Kennedys Grifftechnik ist stupend, der Bogenarm unerhört kräftig und zärtlich zugleich, gegen Ende legt er ein Wahnsinnstempo vor, spinnt – im charmanten Schlabberlook – die Töne bis zuletzt aus. Trotzdem bleibt das im Virtuosen hängen, klingt uninspiriert, verhuscht, oberflächlich. Auch der Jazz, den er immer wieder einstreut und der nach der Pause dominiert, darunter Paul Desmonds mit Dave Brubeck berühmt gewordenen Evergreen „Take Five“: introvertiert, gestaltlos. Am besten noch Yaron Stavi mit erdig wummerndem Bass, von Rolf Bussalbs Gitarre hingegen kommt in den Solos, trotz elektronischer Verstärkung, nur ein Zirpen im Parkett an. Der Saal berauscht sich an der eigenen Begeisterung. Auch was. Udo Badelt

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