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KLASSIK

Phantasmagorie: Die Philharmoniker feiern ihr Education-Programm

Knallbunt geht es zu auf dem Podium der Philharmonie am Sonntag. Berliner Schüler spielen mit Musikern der Philharmoniker, alle tragen Shirts in den Farben des Regenbogens. Das Orchester feiert zehn Jahre Education-Programm – und kehrt zu den Anfängen zurück, zu dem erfolgreichen Film „Rhythm is it!“ und Strawinskys „Sacre du Printemps“, diesmal in einer stark gekürzten Fassung für Bläser. Simon Rattle muss natürlich deutlichere Zeichen geben als sonst, aber das Ergebnis klingt passabel. Der „Sacre“ ganz ohne Streicher: noch härter, barbarischer, ein unbehauener Marmorblock. Die Profis kann man trotzdem heraushören, vor allem in den scharfkantigen Soli.

Dann probt Simon Halsey vom Rundfunkchor mit bewundernswerter Ruhe zwei Choräle mit dem Publikum, während hinter ihm der Umbau wuselt – für die einstündige Oper „Noahs Flut“ (Inszenierung: Jasmina Hadziahmetovic) von Benjamin Britten, der Zeit seines Lebens mit Leidenschaft für Kinder und Jugendliche komponiert hat. Profis wie Thomas Quasthoff – er leiht Gott seine raunende Stimme – sind dabei, Hunderte von Schülern mit selbst gebastelten Laternen mimen die Tiere, die Noah auf die Arche nimmt, das Publikum singt kräftig mit. Die geballte Dirigierkraft der beiden Simons sorgt dafür, dass nichts klappert. Der Nachmittag: eine Phantasmagorie, heiter und gelöst, sympathischerweise völlig ohne die Seht-her-ach-wie-süß- Karte zu spielen, die sonst bei Veranstaltungen mit Kindern immer sticht. Die Hochkultur öffnet sich, gibt sich so vielen Menschen wie möglich hin, auf dass diese schmecken und hören können, dass sie als Akteure mit allen ihren Sinnen die klassische Musik erfahren. Udo Badelt

ROCK

Krachgenie: 
Psychic TV und Genesis

P-Orridge im Festsaal Kreuzberg

Schon zum Empfang: Das tobende Zischen von Hawkwind’s Space-Rock-Klassiker „Silver Machine“, vorgetragen von fünf Langhaargestalten in Jeanskutten, deren bizarrer Anführer aussieht wie eine krude Mischung aus Klaus Kinski und einer übergewichtigen Lady Gaga. Da steht sie, er oder was auch immer, schüttelt das platinblonde Haar, flattert mit den Wimpern und bleckt die Goldzähne: Genesis P-Orridge, Esoteriktante, Sektenführer, Krachgenie, Sexguru, ein radikaler Erneuerer des Pop, der mit Throbbing Gristle die geräuschvolle Industrial Music erfand, von William Burroughs zum Dada-Künstler erklärt wurde und sich seit 1990 mit chirurgischen Eingriffen zur Frau umbauen lässt.

Mit Psychic TV, die er 1981 nach dem Ende von Throbbing Gristle als Hausband seiner pseudoreligiösen Organisation The Psychic Temple of Youth gründete, widmet sich der 63-Jährige nach Brian-Jones-Verehrung, Hypno-Trance- House und esoterischem Ambientgeraschel wieder den Ausschweifungen der psychedelischen Rockmusik. Ein begnadeter Spinner, der seine Mitstreiter beim Konzert im rappelvollen Festsaal Kreuzberg mit altersmilder Gelassenheit durch die zerklüftete Welt des Acid-Garagen- Rocks dirigiert. Mit wuchtigen Rhythmen, kreischenden Gitarren und zischender Space-Orgel schlittert die Band vom psychedelischen Getöse in schillernde Trash-Balladen und schließt nach 75 Minuten mit der quietschfidelen Folk- Hymne „Hurry On Sundown“. P-Orridge schürzt die Lippen und bleckt seine Goldzähne, bevor er von der Bühne wackelt und die ungebrochene Verehrung seiner Person mit der gleichen Selbstverständlichkeit entgegennimmt wie eine Hausfrau ihre Einkaufstüte. Volker Lüke

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