KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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THEATER

Paradies der Adoleszenz: 

„Soundtrack to Utopia“ im Gorki

Utopia? Die charmante musikalische Reise am Maxim-Gorki-Theater geht eher nach Dystopia, ins Land der Endzeitgeschichten, in eine Diktatur der sanften Melancholie. Theaterabende mit Bürgerbeteiligung sind angesagt, gelingen selten, arbeiten aber zumindest erfolgreich an der Zuschauer-Theater-Bindung. In diesem Fall baten Regisseurin Jorinde Dröse und der Hamburger Musiker Carsten „Erobique“ Meyer das Publikum um Zukunftsvisionen und Weltverbesserungsvorschläge. Von den eingesandten Texten überzeugten offenbar nur drei, da schrieben sich die fünf Schauspieler, die hier vor allem Sänger und Musiker sind, die restlichen Lieder einfach selbst und schlüpften in lustige weiße Astronautenanzüge. Jetzt sitzen sie an fünf Klavieren vor nachtblauem Hintergrund und singen von der Zukunft, während über ihnen weiße Luftballons schweben, auf die so schöne Worte wie Glück, Geist oder Sinn aufgedruckt sind. Das heißt, sie singen eher von der Müdigkeit oder der Hoffnungslosigkeit oder dem Ironiezwang, der sie befällt, sobald sie übers Weltverbessern nachdenken.

Das ist kein Wunder, denn Carsten Meyer, der musikalische Leiter, macht sonst viel mit Jacques Palminger und hat auch schon mit Tocotronic gearbeitet. Es weht durch diese siebzig Minuten also nicht der Geist von Attac, sondern die Lakonie der Hamburger Schule. Ein hintergründiges Lächeln schwebt über allem, das die Grenze zwischen Banalität und Poesie zum Verschwinden bringt. „Wird die Welt eine bessere sein, wenn ich meinen Müll fachgerecht trenne“, rappt Lorris Andre Blazejewski. „Ich habe Angst davor, barfuß auf Rolltreppen zu gehen“, singt Sophia Augusta Kennedy. Famos auch Johann Jürgens an Gitarre, Cello und mit Horst-Buchholz-Blick und schmerzseliger Rio-Reiser-Stimme am Klavier. Es gibt einen kleinen Animationsfilm, der die Musikgeschichte von der Steinzeit bis zur Keyboardgegenwart im Schnellverfahren nacherzählt. Die utopische Zukunft, sie ist längst da, als Paradies einer ewigen Adoleszenz. Auch das Rhythmusgefühl stimmt. Gerade als die Koketterie mit der Harmlosigkeit ihre Anmut zu verlieren droht, ist das Konzert im rechten Moment vorbei. Andreas Schäfer

KLASSIK

Alttestamentarische Wucht: 

Finale beim IntonatIons-Festival

Noch in die stehenden Ovationen hinein bedankt sich Elena Bashkirova fast entschuldigend bei ihrem Publikum: „Es war ein bisschen lang – aber ich denke, es waren auch schöne Stücke dabei.“ Das mit den schönen Stücken ist gewaltig untertrieben und die Länge, ja, die muss genau so bleiben: Sie reflektiert die Überfülle an hervorragenden Interpreten; und es ist die Hingabe an den Überfluss, die jeden Abend des Intonations-Kammermusikfestivals im Glashof des Jüdischen Museums vom Konzert zum Fest werden lässt.

Noch ein weiteres Konzept geht beim Abschlusskonzert wunderbar auf: bekannten Werken wie etwa Mendelssohns Streichoktett Unbekanntes und gar ehemals Verfemtes als gleichwertig gegenüberzustellen. Tief beeindruckend ist es, was Roman Trekel und Denis Kozhukin aus Dvoráks Biblischen Liedern op. 99 machen. Mit alttestamentarischer Wucht und einer Textverständlichkeit zum Mitschreiben schildert Trekel die Vision eines Gottes von erschreckender, zermalmender Kraft. Es gelingt ihm, alles Folgende, von der Anbetung bis hin zum wortreichen Lobpreis, als Antwort auf diese eine existenzielle Erschütterung zu erzählen. Wie von selbst spannt sich von hier der rote Faden bis hin zu Pavel Haas’ Suite für Oboe und Klavier, die Alexei Ogrintchouk mit nie nachlassender Grundspannung vorträgt und nicht zuletzt zu Erwin Schulhoffs Streichsextett. Die Streicher aus der Allstars-Familie des Festivals wiederum glauben an jede Note des Werks und lassen die zentralen langsamen Sätze mit nachtwacher Aufmerksamkeit in unfassbar intensivem Pianissimo an der Grenze zwischen Klang und Geräusch verklingen. Carsten Niemann

KLASSIK

Deutscher Dirigentenpreis

im Konzerthaus: Erfahrung gewinnt

Wettbewerbe haben ihre Geheimnisse. Warum ausgerechnet Kristiina Poska den Deutschen Dirigentenpreis vor ihren beiden Mitbewerbern davonträgt, bleibt unerfindlich. Als Kapellmeisterin der Komischen Oper mag die 35-jährige Estin vielseitige Erfahrung vorweisen; die größte Ausstrahlung hat sie beim Finale mit dem Konzerthausorchester keineswegs. Janáceks Suite nach „Das schlaue Füchslein“ gibt sie korrekt wieder, mit Gesten, die man auch „steif“ statt „ökonomisch“ nennen könnte. Trotz klanglicher Opulenz fehlt aber Esprit, Spontaneität und jener Herzenston, der den Zauber dieser scheinbar naiven Lebensfeier ausmacht.

Das Besondere des Deutschen Dirigentenpreises liegt darin, dass Stipendiaten über einen längeren Zeitraum Praxis erwerben und darin ihr Talent beweisen können. Ivo Hentschel ist als Dirigent in Heidelberg tätig und designierter 1. Kapellmeister am Theater Hof. Der ihm zugesprochene Förderpreis schließt für den 37-Jährigen die musikalische Leitung der Bad Homburger Schlosskonzerte für eine Saison ein. Auch die Koreanerin Eun Sun Kim erhält als Zweitplatzierte diese Möglichkeit. Während Hentschel den „Totenfeier“ genannten Kopfsatz aus Mahlers 2. Sinfonie trotz großen Einsatzes reichlich akademisch über die Bühne bringt, zeigt die 33-jährige Asiatin in Debussys „La Mer“ immerhin Schwung und klangliche Sensitivität. Doch auch sie bringt die Partitur nicht wirklich zum Glänzen. Entweder sind Talente derzeit dünn gesät oder die Krux auch dieses Wettbewerbs liegt darin, durch Mehrheitsentscheidungen eher das Mittelmaß zu fördern als die künstlerische Persönlichkeit.Isabel Herzfeld

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