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KLASSIK

Springteufelswerk: Das DSO mit Antoine Tamestit in der Philharmonie

Soviel Märchenton, duftiges Mezzoforte, allzeit gläserner Klang. Vorsicht zerbrechlich: Das Deutsche Symphonie Orchester unter Leitung von Matthias Pintscher lädt zur Traumlandpartie, mit Ravels Ballettmusiken „Ma mère l’oye“ und „Daphnis et Chloé“ (beide 1912). Das lullt dann doch ein (allein die hypnotisch betörende Soloflöte!), die Klangfarbenpalette gerät arg monochrom. Erst zum bacchantischen Finale lässt Pintscher alle Zurückhaltung fahren – wie er schon eingangs, in Paul Dukas’ „Zauberlehrling“, die Dynamik ökonomisch klug einzusetzen wusste.

Ein plastisch gestaltender Dirigent, der unentwegt Bilder für die Ohren herzaubert. Das kommt vor allem Alfred Schnittkes Bratschenkonzert von 1985 zugute, dem Höhepunkt dieses Abends in der Philharmonie. Automatenspielmusik mit ausgeleierter Mechanik, Marsch-, Walzer- und Zwölfton-Reminiszenzen im Zerrspiegelkabinett: Schnittkes zerklüfteter Echoraum birgt die Schrecken des 20. Jahrhunderts bis zum Kondukt im 3. Satz samt Dies Irae. Noch so ein Springteufelswerk. Der 33-jährige Bratschist und Neue-Musik-Spezialist Antoine Tamestit, in jedem einzelnen Takt mit höchstem Engagement dabei, wechselt souverän die Register, von der Klage in die Komik und die schneidend scharfe Groteske bis ins Jenseitige. Der Weltklassemusiker birgt Kleinode aus den Trümmern, lässt Schnittke in zärtlicher Sekundreibung ausklingen und beweist mit der Zugabe, Henry Vieuxtemps’ „Capriccio“ für Viola solo, auch noch, welches Glück in der Ausdruckslosigkeit lauern kann, im vibratolos pianissimo vorgetragenen Ton. Christiane Peitz

KLASSIK

Klangsprachkunst: Peter Eötvös

mit Bartók im Kammermusiksaal

Vom professoralen Sermon bis zum herablassenden Musikvermittlungskindergarten – mit moderierten Konzerten hat man so eine Erfahrungen gemacht. Dass es gelingen kann, beweist im Kammermusiksaal das Klavierduo Grau/Schumacher in der Serie „Galerie der Meister“. Wobei hier ein Meister einen Meister erläutert: Als Kenner, vor allem als Bewunderer Bartóks und seiner „Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug“ macht der ungarische Dirigent und Komponist Peter Eötvös jedes analytische Moment lebendig und greifbar. Wie ein Koch legt er die klanglichen Einzelzutaten aus, macht mit dem Klangfarbenspektrum des Schlagzeugs bekannt, lässt es als Melodieinstrument hervortreten, als das Bartók es betrachtete. Mit Querbezügen zu anderen Werken lässt Eötvös dessen Tonartensprache wie eine Erzählung von großer Sinnlichkeit erleben. In einer Zeit von musikalischem Überangebot ist gerade die Qualität des Hörens entscheidend – und die Gelegenheit, diese zu steigern, ein Geschenk von höchstem Wert.

50 Minuten stehen Andreas Grau und Götz Schumacher sowie die Perkussionisten Jan Schlichte und Franz Schindlbeck für Demonstrationen zur Verfügung, bevor sie das 25-minütige Werk ganz zu Gehör bringen. Spannungsreich interagieren die Interpretenpaare und arbeiten trotz unaufhaltsamen Vorwärtsdrangs kleinste Strukturmotive heraus. Die Spannung weitet sich auf das Auditorium aus, auf ein Publikum, das Einzelstimmen, Wendepunkte und Bartóks Klangvokabular wiedererkennt und antizipiert – so dass, wenn das Hauptthema des ersten Satzes in C-Dur die Fis-Dur-Nacht verdrängt, die Sonne aufgeht im Saal. Barbara Eckle

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