KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Ideal ausgebildet: Alexander Krichels Klavierabend im Konzerthaus

Beim Berlin-Debüt von Alexander Krichel denkt man gleich doppelt an die alten Griechen. Zum einen, weil das Profil des Pianisten ganz dem hellenistischen Ideal entspricht, zum anderen, weil der 1989 geborene Hamburger eine seltene Doppelbegabung hat. Am Klavier ist er so gut, dass ihn die Sony unter Vertrag genommen hat, im Fach Mathematik hat er bereits mehrere Auszeichnungen gewonnen. So stellte sich der Philosoph Platon bereits vor Jahrtausenden den geistig ideal ausgebildeten Bürger vor.

Kein Wunder, dass sich Krichel am Dienstag im ausverkauften Kleinen Saal des Konzerthauses vor allem als analytisch vorgehender Interpret präsentiert. Im Mittelpunkt stehen zwei strukturell konzipierte Kompositionen: Mendelssohns „Variations sérieuses“, also die mannigfaltige Verarbeitung eines vorgegebenen Themas, sowie Schumanns „Symphonische Etüden“, also ein Zyklus, der nacheinander unterschiedliche Spieltechniken in den Fokus nimmt. Dabei fällt neben Krichels Fähigkeit, mehrere Stimmen autonom zu denken, auch seine feine Sensorik für Stimmungen auf sowie sein erstaunlich weicher, sensibler Anschlag. Letzterer kommt ihm bei den sanglichen Stücken zugute, wie Schuberts A-Dur Sonate, Clara Schumanns Romanze oder auch den Liszt’schen Bearbeitungen berühmter Schubert- und Schumann-Lieder. Emotionale Emphase jedoch versagt sich der junge Pianist auch hier. Die melodischen Linien wirken stets durchchoreografiert, die Gefühle absichtsvoll inszeniert – als würde man an einen Flakon mit Lindenparfüm riechen statt an der veritablen Baumblüte. Frederik Hanssen.

THEATER

Puppenfriedhof: Eine Heiner-Müller-

Inszenierung im Bat-Studiotheater

Heiner Müller zieht Bilanz: „Der Rest ist Lyrik“. Gibt es überhaupt einen Rest? „Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten“ (1981/82) entwirft eine Welt voller Blut und Grausamkeit, Krieg und Schlächterei, Verrat und Zerstörung. Nichts Menschliches hält stand – „wer hat bessre Zähne, das Blut oder der Stein?“ Der Untergang, noch drohend oder schon vollzogen, beherrscht ein Leben, das nur aus Resten, aus Abfall, aus Verdorbenheit besteht. Aber wie stets gründet Müller die Bestandsaufnahme zivilisatorischer Zusammenbrüche auf mehrere Ebenen, entzieht sie damit eindeutiger Bestimmbarkeit. Das Verstörende wird geadelt durch die streng geformte Sprache, das Entsetzen lässt das Bildhaft-Anschauliche nicht nur zu, sondern fordert es heraus, nicht zuletzt mit untergründiger Ironie.

Es gehört Mut dazu, dieses disparate Kunstwerk mit Studierenden auf die Bühne zu bringen – noch dazu mit Puppen. Die freie Gruppe plataplata hat es mit der Ernst-Busch-Hochschule, Studiengang Puppenspiel, im Berliner Studiotheater bat gewagt. Sie entwirft eine Sinnsuche, die absichtlich unentschieden bleibt. Spiel, Licht, Video, Musik verbinden sich in einem Raum, der für fragende, handelnde, träumende Menschen eine Möglichkeit des Daseins bieten könnte. Schmale Bretter, im Laufe des Spiels umgelegt und dann wieder aufgerichtet, geben dem Spielort Struktur, große, nackte Schaufensterpuppen und kleine, zauberisch geformte Gliederpuppen geben ihm Leben – zusammen mit den Schauspielern. Die Musik liefert ein raunendes Grundgeräusch, und dieses Raunende, mitunter bedrohlich Anschwellende bestimmt den Umgang mit den kaum entschlüsselbaren Bedeutungsschichten der Dichtung. Der Mensch versucht sein Schicksal zu verändern, zu vervielfachen in der Erfindung der Puppen, der Übertragung von Sehnsüchten auf die großen und kleinen Kunstgeschöpfe – und die Inszenierung zeigt, wie diese Anmaßung misslingt. Am Ende türmt sich ein Friedhof aus abgeschlagenen Gliedern und Köpfen: Hoffnung wird nicht beschworen, Ausweglosigkeit bleibt. Nicht alles geht auf in dieser Inszenierung. es gibt Leerstellen, und die kleinen Puppen kommen zu wenig ins Spiel – aber die Unternehmung unter der Leitung von Matthias Jochmann (Bühne Victoria Philipp) verdient Respekt. Christoph Funke

JAZZ

Heiterer Ernst: Die Bigband der Deutschen Oper spielt Heymann

Ob er zum Beispiel ein deutsches Volkslied singen könne, wurde Werner Richard Heymann gefragt, als er sich bei der Einwanderungsbehörde in Bayern um Wiedererlangung der deutschen Staatsbürgerschaft bewarb. Und er sang „Das gibt’s nur einmal.“ In der Deutschen Oper zitiert die Tochter Elisabeth Trautwein-Heymann diese Anekdote. Sie steht charakteristisch für den heiteren Ernst eines Abends, mit dem die Bigband des Hauses sich dem Komponisten annähert: deutsch-jüdisches Schicksal und unumstößliches Format seiner Lieder, die Dagmar Manzel kürzlich am Jahrestag der Emigration Heymanns in der Komischen Oper vorgetragen hat. Die Frage, wie weit sich die Melodien für Swing-Variationen eignen, spielen die Musiker mit ihrer Verve glatt an die Wand. Sie sind überwiegend Mitglieder des Opernorchesters, im täglichen Leben also mit „Tristan“ und „Rigoletto“ befasst, pilgern aber mit Lust auf ihren jazzigen Seitenwegen.

Dirigiert von dem Baritonsaxofonisten Rolf von Nordenskjöld, gerät die Formation mit Arrangements von „Frag nicht wie“ oder „Heut’ Nacht“ so in Fahrt, dass jeder Chorus vom Publikum beklatscht wird. Der moderierende Posaunist Sebastian Krol führt den Jazz-Sänger Jeff Cascaro ein, der als vornehmlich dienender Interpret den Song „Liebling, mein Herz lässt dich grüßen“ mit Scat-Gesang verziert. Als die Stimmung am höchsten steigt, greift er zur Trompete. Und das mit Fotos und Filmplakaten bebilderte Konzert kehrt zu seinem instrumentalen Schlager zurück: „Das ist die Liebe der Matrosen.“ Sybill Mahlke

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