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Blinder Gehorsam. Der Chor in der Inszenierung von Aniara Amos. Foto: Drama
Blinder Gehorsam. Der Chor in der Inszenierung von Aniara Amos. Foto: DramaFoto: Bresadola/drama-berlin.de

KLASSIK

Klangmagisch: Walter Braunfels’

„Große Messe“ im Konzerthaus

Die spektakuläre Aufführung der Oper „Die Vögel“ 2009 mit dem Konzerthausorchester unter Lothar Zagrosek ist allen, die dabei waren, noch lebhaft in Erinnerung. Jetzt tritt das Orchester erneut an zur Ehrenrettung eines Werkes von Walter Braunfels: Die „Große Messe“ von 1923 bringt es mit dem Philharmonischen Chor, der Singakademie, Knaben des Staats- und Domchors und einem strahlkräftigen Solistenquartett unter der ebenso souverän koordinierenden wie ausdrucksmächtigen Stabführung von Jörg-Peter Weigle mit durchschlagender Wirkung zu Gehör. Gerade für das Orchester sind die Anforderungen hoch: Im Riesenapparat betreibt Braunfels feinste Lautmalereien, lässt tiefe Holzbläser von Violinen und Harfe filigran umspielen, treibt das Blech zu äußerster Kraft und Beweglichkeit an.

Ein sinnlich-luxuriöser Schimmer liegt über dem geistlichen Werk, erinnert daran, dass Braunfels in den 1920er Jahren in einem Atemzug mit den Klangmagiern Strauss und Schreker genannt wurde. Und zugleich beschwört es in einer geradezu niederschmetternden Ausdrucksschärfe immer wieder die Katastrophe, der es seine Entstehung verdankt: Die Schrecken des 1. Weltkriegs ließen Braunfels zum Katholizismus übertreten. So dämmert zu Beginn ein fahler Klangdunst herauf, über dem die Soprane ein erstes „Kyrie eleison“ seufzen. Immer wieder muss der Chor an die Grenzen chromatischer Harmonik und komplexer Stimmführung sein „Credo“, „Hosanna“ oder „Crucifixus“ herausschreien, als Anklage oder verzweifelte Selbstvergewisserung. Nach all dieser Klanggewalt berührt der zarte Schluss um so mehr: ein fast geflüstertes „qui tollis peccata mundi“ und ein sanftes „dona nobis pacem“ vom Knabenchor. Isabel Herzfeld

TANZ

Irreführend: Christoph Winklers „Rechtsradikal“ in den Sophiensälen

Ein Polizist steht vor dem Festsaal der Sophiensäle. Die Vorstellung, die geschützt werden muss, heißt „Rechtsradikal“ (wieder vom 4. - 6. Mai). Schwarz gekleidete Gestalten sind an diesem Abend dann aber doch nur auf der Bühne zu sehen. Der Choreograf Christoph Winkler hat ein Tanzstück über Frauen in der rechtsradikalen Szene angekündigt – und die sind nicht nur Anhängsel der Männer, wie man jetzt weiß. Kurz vor Beginn des Prozesses gegen Beate Zschäpe ist so einem Projekt große Aufmerksamkeit gewiss.

Doch das Stück ist eine Mogelpackung. Man erfährt nichts über die fremdenfeindlichen und antisemitischen Einstellungen der Kameradinnen. Zudem ist es Winkler nicht gelungen, das Selbstbild der militanten Mädels in Tanz zu übersetzen. Mercedes Appugliese hat durchaus etwas Lauerndes, Geducktes. Die anderen drei müssen anfangs Klischees bedienen, wirken kokett und hilflos mit ihren Zöpfchen und Röckchen. Bald streifen sie sich schwarze Sweater und weiße Masken über, dazu zeigt das Video einen inszenierten Fackelzug mit Maskierten, der ein bisschen wie Karneval aussieht. Wie die Radikalisierung sich in den Frauenkörper einschreibt, bleibt doch eher vage. Die Tänzerinnen versteifen und verkrampfen sich, aus der Überspannung fallen sie wieder in die Erschlaffung. Irritierend, wie Claire Vivianne Sobottke eine Spastikerin mimt – sie verkörpert genau das „Kranke“, das abgewehrt werden muss. Wie sie sich am Ende in einem geifernden Hasstanz entäußert, ist durchaus erschreckend. Doch ein Blick in rechte Abgründe ist dieser Abend nicht. Sandra Luzina

OPER

Zeitlos: „Jasager“ und „Neinsager“

in der
Schillertheater-Werkstatt

„Wichtig zu lernen ist Einverständnis“, belehrt der in flamingofarbenen Plastikmänteln uniformierte Chor das Publikum. Das stilisierte breite Grinsen unter den glubschäugigen Einheitsmasken verrät blinden Gehorsam und wirkt bedrohlich. Die Geschichte hat bewiesen, wozu sich Massen instrumentalisieren lassen im Zeitraum zwischen der Vertonung von Brechts „Der Jasager“ durch Kurt Weill (1930) und seinem Folgestück „Der Neinsager“ durch Reiner Bredemeyer (1990). In der Werkstattbühne der Staatsoper tauchen sie nun erstaunlicherweise zum ersten Mal Seite an Seite auf (weitere Vorstellungen bis 21. Mai).

Der Stoff entstammt dem japanischen Nô-Theater: Als ein Knabe auf einer beschwerlichen Reise im Gebirge erkrankt, befiehlt ihm der Brauch, sich zum Wohle der Gemeinschaft ins Tal stürzen zu lassen. Im „Jasager“ gehorcht er, im „Neinsager“ weigert er sich mit der weisen Erklärung: „Wer a sagt muss nicht b sagen. Er kann auch erkennen, dass a falsch war.“ Bis zu dieser Weiche verlaufen die Inszenierungen identisch bis ins kleinste Detail, wodurch vor allem der unterschiedliche musikalisch-dramaturgische Zugriff Weills und Bredemeyers wunderbar zur Geltung kommt (Leitung: Max Renne).

Obwohl – oder gerade weil – sich geschichtlicher Kontext en masse anbietet, hat sich die Regisseurin Aniara Amos klug für eine zeitlose Minimalästhetik entschieden und das Thema von Gemeinschaft und Individuum für alle Zeiten und Orte aktualisiert. Die Motivation, Agilität und Frische des Jugendchors der Staatsoper, der hier stimmlich wie körperlich gefordert ist, erfüllt die beiden eher kargen „Schulopern“ mit Spannung und Dynamik. Einen schönen, fragilen Gegenakzent zur übermächtigen maskierten Masse setzt Tim Fluch (Knabe) mit der Natürlichkeit seines mal zaghaften, mal resoluteren Soprans. Die dunkle Stimme der Mutter (Maria-Elisabeth Weiler) und der warme, verhaltene Bariton des Lehrers (Timothy Sharp) glühen vor sublimierter Emotion. Mit abstrakt reduzierter Personenführung lässt Amos das Wesentliche von alleine wirken. Ein Vertrauen, das sich lohnt. Barbara Eckle

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