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Quadratisch: Anne-Sophie Mutter und die Dresdner Philharmonie

Beethovens Violinkonzert hat man von der grandiosen Anne-Sophie Mutter schon entspannter, anmutiger, schöner gehört als an diesem Abend in der Philharmonie. Natürlich wird das Stück oft zu liebenswürdig gespielt. Die harte, im Übergang zum dritten Satz geradezu rabiate Attacke spricht denn auch eher für die Geigerin und ihren risikobereiten Zugriff, der sich auch in den ins fahle Dämmerlicht getauchten leisen Passagen zeigt. Aber man vermisst Gesanglichkeit und Wärme; ausgerechnet die hohen Töne, die bei Mutter oft leuchten und strahlen wie bei niemandem sonst, klingen etwas forciert.

Dass die Musik an diesem Abend nicht fließen will, liegt allerdings auch am Orchester der Dresdner Philharmonie. Unter Leitung seines früheren Chefdirigenten Rafael Frühbeck de Burgos zeichnet sich der Klang in Beethovens Fünfter durch Streicher- und besonders Geigenlastigkeit aus, die Artikulation ist wenig flexibel, und die hervorragenden Holzbläser dürfen sich zu selten zur Geltung bringen. Ein gewissermaßen quadratisches Dirigat, ohne Gespür für Beethovens Rhetorik und ohne den Versuch, aus der Unnachgiebigkeit des Werks etwas anderes als Penetranz herauszuhören. Weil es nicht als Ergebnis eines Prozesses kenntlich wird, klingt das ewige C-Dur des Finales unangenehm triumphal. Benedikt von Bernstorff

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Hypnotisch: Mozarts „Requiem“ mit

dem Orchester der Komischen Oper

Zu Beginn: spürbares Fremdeln. Draußen weht endlich das milde, stille Glück des Frühlings, und drinnen: eine Totenmesse. Henrik Nanasi, Generalmusikdirektor der Komischen Oper, bietet im sechsten Sinfoniekonzert der Saison ein einziges Werk, Mozarts „Requiem“. Da braucht es einige Überwindung, doch die Unlust zerstäubt schnell. Zwar hechtet Tenor Peter Sonn, der Tamino im aktuellen „Zauberflöten“-Renner des Hauses, in seine Einsätze – und zerstört damit eine Balance, die die anderen Solisten (Maureen McKay, Karolina Gumos und Alexey Antonov mit bittersüßem Bass) überzeugend aufbauen. Das „Recordare“, Prunkstück der Solisten, verläppert recht spannungslos.

Zum Glück leitet Nanasi das Orchester mit einer wohltuend gleichmäßigen Uhrwerksmechanik, die jede dramatische Rückung oder Stauung vermeidet und gerade deshalb die Dramatik des Werks freilegt – auf dass es seinen hypnotischen Sog entfalte. Mit dem plastisch singenden Chor geht das wunderbar zusammen. Im „Dies irae“ wird der Zorn des Weltenrichters zur krachenden Ohrfeige, im „Rex tremendae“ drängen sich schaurige Stimmen dicht in den Vordergrund wie das Schnauben eines wilden Tiers hinter Gittern, im „Confutatis“ rufen filigran durchscheinende Frauenstimmen die Milde Gottes an. Nach einer intensiven Stunde ist alles vorbei. Draußen wartet die laue Frühlingsnacht, die einem jetzt umgekehrt ganz fremd erscheint. Udo Badelt

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Urgewaltig: Kazuki Yamada dirigiert

das Rundfunk-Sinfonieorchester

Erstaunlich, dass die Kronleuchter nicht ins Pendeln geraten angesichts der phonstarken Schallwellen, die am Freitag durchs Konzerthaus branden – erst bei Tschaikowskys Vierter und dann beim Jubel des Publikums. Kazuki Yamada und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin bescheren dem ausverkauften Saal ein russisch-romantisches Urerlebnis, mit glühenden Streichern und krachendem Blech. Hier bremsen keinerlei ästhetischen Bedenken die Leidenschaft, diese Musik geht direkt in die Magengrube. Dabei entfaltet der 1979 geborene japanische Dirigent den Sturm der Gefühle absolut kontrolliert. Da gibt es keine Derwisch-Choreografie, aus jeder Geste wird sichtbar, dass hier einer die Partitur überblickt und die Steigerungen und Eruptionen genau zu modellieren weiß.

Auch Ingolf Wunder hat klare Vorstellungen von der Rolle des Solisten in Chopins 1. Klavierkonzert. Ein Antivirtuose, der die technischen Herausforderungen meistert, aber alles Effektvolle bewusst unterspielt, den Flirt mit dem Publikum verweigert. Das führt zu Undeutlichkeiten und Spannungsverlust in den Ecksätzen. Immer wieder holen Yamada und das RSB im Rondo neuen Schwung, immer wieder bremst Wunder sie aus. Alles fokussiert sich für ihn auf die zentrale Romanze, die er extrem langsam nimmt. Sicher, Wunder vermag im zartesten Pianissimo Momente besonderer Intimität herzustellen. Die Begleitfiguren jedoch, die zerfließen wie Mondlicht über toskanischen Hügeln, können auch als Zeichen dafür gelesen werden, dass der Komponist hier anderes im Sinn hatte. Frederik Hanssen

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