KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Unter Dampf: Das Kuss-Quartett

im Kammermusiksaal

Das junge Berliner Kuss-Quartett blickt gerne über Genregrenzen. Bei seinem Auftritt im Kammermusiksaal ist der literarische Stoff – Tolstois „Kreutzersonate“, die Janacek zu seinem Streichquartett Nr. 1 angeregt hat – durch die Dramatik der Interpretation hyperpräsent. Der glanzvolle Schönklang, der eben noch Haydns Streichquartett op. 50 Nr. 4 dominierte, ist vergessen. Fahrige Tremolos der zweiten Geige unterbrechen jeden Versuch der ersten, in einer lyrischen Linie Erfüllung zu finden. Mit irrationalen, perspektivlosen Wendungen zeichnet das KussQuartett gnadenlos effektiv das Psychogramm einer Affäre nach, die in der tragischen Ermordung der Frau durch ihren eifersüchtigen Mann endet. Erst im Andante des vierten Satzes, als es zu spät ist, beginnen die Phrasen wieder zu atmen. Die Extreme dominieren auch Schuberts G-Dur-Quartett D 887: Den Flüsterton als Grunddynamik konterkariert das Quartett mit unvermittelten Ausbrüchen, die so erschrecken, dass man jede Form aus den Augen verliert und der unberechenbaren schubertschen Harmonik gänzlich ausgeliefert ist. Ein spannender Ansatz, doch leider verbraucht sich der Wechselbad-Effekt, die Extreme werden zur Gewohnheit, so dass das Allegro assai zum Schluss, trotz scharfer Kontraste, zwangsläufig abflacht. Barbara Eckle

ROCK

Wilde Herzen: Die Yeah Yeah Yeahs

in der Columbiahalle

Karen O, wir lieben dich! Keinen Augenblick reduziert die Frontfrau der Yeah Yeah Yeahs die Intensität ihres Auftritts. Da steht sie im knallroten Cowgirl-Glitzeranzug, pumpt die Backen auf und bringt mit ihrem kehligen Wildkatzen-Shouting das große Stöhnen unter die Boys und Girls. Die Frau weiß, wie man rockt. Zehn Jahre nach ihrem Debüt „Fever To Tell“ hat das Trio aus New York mit „Mosquito“ den vierten Longplayer vorgelegt, der die Grundmaterie Garagenrock weiter in Richtung Pop anschwellen lässt. Bei der Live-Präsentation in der Columbiahalle verbietet sich aber jede Kritik, wenn man sieht, wie schamlos die Band das Publikum an den Ohren nimmt und „Yeah! Yeah! Yeah!“ hineinbrüllt. Widerstand zwecklos. Die Band legt los wie ein wild um sich schlagendes Riesenbaby und spielt einen packenden Gig. Brian Chase drischt auf die Felle wie ein Bergarbeiter, der Kohle kloppt, und Nick Zinners Schrabbelgitarre sirrt wie ein Moskitoschwarm durch die Luft. Alles in allem assoziiert man ein aus der Kontrolle geratenes Kettenkarussell in grellbunt flackerndem Licht. Ein Pop-Ausbruch, der wirbelt und scheuert, unterlegt mit metallischen Hieben und Os überdrehtem Gesang, der Vorbildern nahekommt, die sie alle voll aufgesogen hat: Blondie, Siouxsie, Yoko Ono, Suzi Quatro. 80 Minuten lang bieten die Yeah Yeah Yeahs eine Show, die fest im Posing verankert ist. Eine Band mit wildem Herzen, die zeigt, das es keinesfalls notwendig ist, ständig besser zu werden. Man muss nur wissen, was gut ist. Yeah Yeah Yeah. Volker Lüke

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