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Foto: Promo/Sinje Hasheider
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POP

Sphärisch: Ghostpoet mit Band

im Kreuzberger Lido

Es hat was von Zen, wenn die sonore Stimme von Obaro Ejimiwe durch den Raum hallt, dazu sparsame Beats, ein elektronisches Fiepsen, dezente Gitarrenloops. Dann trifft Ejimiwes Stimme auf den Soprangesang der Background-Sängerin, und es entstehen sphärische Kompositionen, die live ihre große Qualität entfalten. Der Londoner Obaro Ejimiwe, Sohn nigerianischer und dominikanischer Einwanderer, nennt sich als Künstler Ghostpoet. Am Mittwochabend im Lido mischt er vor etwa 600 Besuchern TripHop- mit Dub-Elementen und legt Sprechgesang darüber, der mal an The Streets, mal an TV On The Radio erinnert, während der Sound eher nach Portishead klingt.

Ghostpoets beide Alben – auch das jüngste „Some Say I So I Say Light“ – klingen äußerst ambitioniert, aber sie plätschern bisweilen und der letzte Kick fehlt. Das ist live anders. Allein wegen seiner muskulösen Gestalt und seiner gewaltigen Stimme hat er eine starke Bühnenpräsenz. Ghostpoet und seine aus Schlagzeuger, Gitarrist und Keyboarderin bestehende Band spielen ein circa 75-minütiges Set, größtenteils Stücke vom neuen Album. Elektroschnipsel treffen auf minimale Gitarrenläufe und auf ein manchmal fast jazziges Schlagzeug. Bei „Meltdown“" funktioniert das Zusammenspiel der Stimmen großartig, bei „Msi Musmid“ schaffen es die meisten Besucher nicht mehr, still zu stehen. Sie müssen sich einfach bewegen, selbst wenn sie nur leicht mitwippen oder vom einen Bein auf’s andere treten. Jens Uthoff

KLASSIK

Monumental: Jaap van Zweden

und die Berliner Philharmoniker

Einen Vorteil hat es, dass Mariss Jansons den Philharmonikern wegen Krankheit absagt und Jaap van Zweden als Einspringer sein Debüt gibt: Jetzt steht in der Philharmonie Bartóks wunderbares „Konzert für Orchester“ auf dem Programm. Geschrieben im traurigen amerikanischen Exil, ist es Summe und Lebensabschiedswerk zugleich. Van Zweden erweist sich als ausgefuchstes Kraftpaket mit markanter, zupackender Gestik, ein Zuchtmeister, der die Töne mit den Fingern bis zum Verklingen modelliert. Das Orchester folgt ihm willig und zeichnet die schillernden Klangfarbengespinste, die ganze enorme Heterogenität des Werks mit breitem Pinsel nach. Grell das Blech, gleißend die hohen Streicher. Schockhaft, schneidend schlägt eine Stimmgruppe in die andere um.

Dann Brahms erste Symphonie: Absolutes Kernrepertoire. Der satte, reife, vollgesogene Ton der Streichergruppe ist prägendes Element des Abends – Fans des vielbeschworenen „deutschen Klangs“ müssen sich keine Sorgen machen. Unglaublich majestätisch heben die Streicher über dem pulsierenden Ostinato der Pauke an, wie selbstverständlich legt sich Guy Braunsteins Solovioline im zweiten Satz darüber. Unentwegt bauscht sich das musikalische Gewebe auf und nimmt sich wieder zurück, ein Organismus, blutdurchpulst und doch klar geschichtet – bis hin zur Monumentalität. Van Zwedens Brahms-Bild ist eindrucksvoll, doch er sieht in ihm vor allem einen Titanen, einen romantischen Riesen. Dass Brahms auch ein Grübler und Zweifler war, dass er 20 Jahre für seine erste Symphonie gebraucht hat, das angstbesetzte Vorbild Beethoven im Nacken – davon vermittelt diese Interpretation nichts. Udo Badelt

SHOW

Knackig: Dominique Horwitz mit „The Right Bullets“ im Tipi

Einen Satansbraten mimen kann Dominique Horwitz so richtig gut. Schon seine durch Puderbleiche und Kajalstift theatralisch verstärkte Physiognomie prädestiniert ihn dafür. Von sängerischen Manierismen und expressiver Gestik ganz zu schweigen. Der Mann ist super als rot gewandetes Rabenaas. „The Right Bullets“ (bis 19. Mai im Tipi am Kanzleramt) heißt seine muntere musikalische Drittverwertung von Carl Maria von Webers Oper „Freischütz“ und Tom Waits und William S. Burroughs davon abgeleitetem Musical „The Black Rider“. Auch schon wieder 22 Jahre her, dass Regisseur Bob Wilson damit das Theatertreffen eröffnete und Horwitz darin den teuflischen Hinkefuß Pegleg gab. Höchste Zeit also, mit einem kongenial zusammengequirlten Mix aus Best of Weber, Waits und Discodancing ein Programm über den ewigen Verführer Luzifer aufzulegen. Begleitet wird der ebenso ewige Brel-Interpret Horwitz, der überraschend knackig „Get Down On It“ von Kool and the Gang oder „September“ von Earth, Wind and Fire covert, von einer siebenköpfigen Band unter Führung des Arrangeurs Jan Christof Scheibe. Die Jungs sehen mit ihren Perücken wie die Leningrad Cowboys aus und wechseln in atemberaubenden Breaks von romantischem Hörnerklang zu funkigen Grooves. Total egal, dass darob die „Freischütz“-Geschichte flöten geht. Gunda Bartels

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