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KLASSIK

Kontaktpflege:

Jean-Christophe Spinosi beim RSB

Mit einem überraschenden Lob wendet sich Jean-Christophe Spinosi an die Zuhörer im Schlüterhof des Zeughauses: Es sei das erste Mal, dass sein Publikum nicht auf die angetäuschten Schlussakkorde im Finale von Haydns 82. Symphonie hereingefallen sei. Danke für das Kompliment – doch dass man nicht an der falschen Stelle klatschte, hatte nicht nur mit musikalischer Bildung zu tun: Zum einen war man schon durch die kapriziös einsetzenden und schweigenden Pauken in Haydns Ouvertüre zu „Orlando Paladino“ vorgewarnt. Zum anderen ist die hallige Akustik besser für aus der Ferne herüberklingende Serenaden geeignet als für eine Musik, die auf eine unmittelbare Kommunikation zwischen Publikum und Interpreten ausgerichtet ist. Umso beeindruckender, welch intensiven Kontakt der quirlige Korse Spinosi zum Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin findet: Faszinierend, wie viele emotionale Nuancen die Musiker und der Alte-Musik-Spezialist in den zeittypischen Seufzerfiguren entdecken und wie sie trotz zahlreicher feiner Rubati nie die motivische Logik und klare rhetorische Struktur der Musik aus dem Auge verlieren. Zum Fest wird daher auch Mozarts Oboenkonzert mit Clara Dent, die zugleich erste Solo-Oboistin des Orchesters ist: Köstlich, wie sie einen Themeneinsatz mit der spielerischen Nachdrücklichkeit einer kindlichen Bitte gestaltet und reizend, wie sie stolz und kokett zugleich auf die schon ein bisschen vatertagsmäßig gestimmte Anmache der Hörner reagiert. Carsten Niemann

KUNST

Wiederentdeckung: die Inselgalerie zeigt verschollene Künstlerinnen

Die Bilder tragen Spuren der privaten Aufbewahrung, Kinder, Enkel, Freunde haben sie gehütet. Mit der Ausstellung „Wieder im Licht – geehrt, ausgegrenzt, wiederentdeckt“ stellt die Inselgalerie acht Malerinnen der verschollenen Generation vor (bis 25.5., Torstr. 207, Di–Fr 13.30 bis 18.30, Sa 13–17 Uhr). Julie Wolfthorns elegante Titelblätter für die Zeitschrift Jugend werden ergänzt von spöttischen Aquarellen. Lässig lümmelt ein Dandy auf seinem Stuhl. In alle acht Biografien bricht die Politik mit voller Wucht. Nach dem ersten Weltkrieg können die Künstlerinnen Fuß fassen und ausstellen. Erfolg haben sie vor allem mit Porträts. Besonders berührend wirken die energiegeladenen Selbstporträts von Augusta von Zitzewitz oder Oda Hardt-Rösler. Mit forschenden Augen studieren die beiden Malerinnen ihr Gesicht, als könnten sie darin ihre Zukunft erkennen. Aber der Nationalsozialismus kappt jede Entwicklung. Käthe Loewenthal und Julie Wolfthorn werden deportiert. Von Käthe Münzer-Neumann ist nur ein einziges Werk aus dem Jahr 1944 zu sehen. Eine Mutter mit Kind, die Frau trägt den Judenstern. Die Künstlerin kann in Frankreich untertauchen und findet dort Anerkennung. In Berlin bleibt von ihrer Arbeit kaum eine Spur. Die Ausstellung vermittelt eine Ahnung vom Aufbruch der Künstlerinnen, die sich aus der Außenseiterposition durchsetzen. Sie lässt auch die Lücken der Kunstgeschichte erkennen. Simone Reber

POP

Radkappenklänge:

Seasick Steve im C-Club

Eng und heiß ist es im knallvollen C-Club, das Publikum schwitzt und tost vor Begeisterung. Von der Bühne kommt grandios scheppernder, ungeschliffener Lärm. „Hubcap Musik“, Radkappenmusik, wie es der Titel vom jüngsten Album trefflich umschreibt. Grober Bottleneck-Blues aus einer verzerrten Danelectro-56-Gitarre des 72-jährigen Amerikaners Steven Wold, genannt Seasick Steve. Wie ein knorriger Farmer sitzt er in rot kariertem Arbeitshemd, zerschlissenen Jeans und langem weißen Bart auf einem Südstaaten-Veranda-Stuhl, stampft mit schweren Schuhen zum dampfenden Beat und lässt klassischen Blues rollen und taumeln. Die meisten von Seasick Steves Kompositionen und Riffs bewegen sich auf klassischem Blues-Terrain zwischen „Baby Please Don’t Go“, „Rollin’ And Tumblin’“ und „Boom Boom“. Die Stimme erinnert auf angenehme Weise an John Lee Hooker. Und bei einigen sanfteren Countryballaden zu weichem Fingerpicking an Mississippi John Hurt. Dazu singt oder spricht er ergreifende autobiografische Beat-Poeme über seine Kindheit mit einem gewalttätigen Stiefvater, die Flucht von zu Hause mit 14, Leben auf der Straße als Hobo, Gelegenheitsarbeiter. Seine kostbar einfache Musik hat der große Erfolg der letzten Jahre glücklicherweise nicht verändert. Immer noch spielt Seasick Steve auf billigsten Instrumenten: einer Schrottgitarre mit nur drei Saiten, einem aus einer Zigarrenkiste gebauten Viersaiter und einem Diddley Bow, gebastelt aus zwei Radkappen, einem Grillteil, einer Bierdose und dem Stiel einer Gartenhacke. Das hat Stil, klingt umwerfend und ist den gelackten Posen jüngerer Neublueser meilenweit überlegen. H.P. Daniels

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