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KLASSIK

Glanz und Gloria: das New York Philharmonic im Konzerthaus

Es nimmt nicht wunder, dass die Stimmung im pickepacke ausverkauften Konzerthaus überschießt. Die Dresdner Musikfestspiele haben ihr diesjähriges Orchestra in Residence nach Berlin entsandt. Das New York Philharmonic unter Alan Gilbert gastiert mit dem 25. Klavierkonzert von Mozart und Tschaikowskys Sechster am Gendarmenmarkt. Hier türmt sich eins aufs andere – die Freude des Zum-ersten-Mal auf die Festspiel-Euphorie auf das internationale Publikum auf die Programmfolge mit gediegener Kanon-Kost. Kurzum, präsentiert wird etwas, das man „Klassik pur“ nennen könnte, wegen Aura, Außenwirkung und klanglichem Glanz. Alles scheint zu schimmern an diesem Abend, schon der spannungsreiche Klang der Streicher im ersten Mozart-Satz. Nun kommt es gerade in diesem Satz auch immer wieder zu Moll-Eintrübungen und zu den Schatten einer Melodie, die sich wahlweise mit Mozarts „Ein Mädchen oder Weibchen“ oder mit dem traurig-schönen Volkslied „Üb’ immer Treu und Redlichkeit“ assoziieren lässt. Von Rätselhaftigkeit oder gelindem Verweilen aber lassen die New Yorker nichts spüren. Kein Lächeln über Abgründen gibt es da, schon gar kein Kratzen an den Interpretationsgewohnheiten. Stattdessen sitzt man im Publikum und wartet quasi darauf, dass gleich Rosinen und Kaugummis von der Bühne herunter auf Alt-Europa geworfen werden, so viel Kraft steckt in dieser Interpretation, so viel Fegen und Kehren und Aufgeräumtheit. Emanuel Ax am Klavier, der dem Orchester seit langem als Ehrenmitglied verbunden ist, sekundiert unterdessen auf eigentümliche Weise. Sein Mozart klirrt mehr, als dass er klingt. Fast aggressiv wendet sich Ax den vielen Verzierungen und Läufen des Soloparts zu. Mit Tschaikowskys „Pathétique“ stellt das Orchester abermals Größe, ja Monumentalität unter Beweis. Zumal die Blechbläser haben beeindruckende Auftritte, vor allem im dritten Satz. Christiane Tewinkel

POP

Das Kollektiv tanzt:

The Knife in der C-Halle

Neun Gestalten in Kapuzenkutten stehen im türkisfarbenen Schummerlicht. Ihre Gesichter sind nicht zu erkennen, dafür fluoreszieren einige ihrer fremdartigen Instrumente in Gelb und Orange: riesige Rasseln, allerlei Schlagwerk, harfenartig aufgespannte Saiten, dazu ein schmales, trichterförmiges Gebilde, das mit einem Bogen oder mit Schlägeln bearbeitet wird. Das Ganze sieht aus wie eine schwarze Messe und klingt auch so. Synthesizer-Dräuen, ein stoischer Galeeren-Groove und geraunte Zeilen über aufgewühlte Seelen. „Raging Lung“ heißt dieses knapp zehnminütige Song-Meisterwerk des schwedischen Schwester-Bruder-Duos The Knife, das kürzlich sein viertes Album „Shaking The Habitual“ veröffentlicht und seinen Elektro-Pop weiter in Richtung eines experimentell-abstrakten Sounds verschoben hat.

Beim Konzert in der ausverkauften Berliner C-Halle dominieren die neuen Stücke. Doch für die erste große Überraschung haben sich Karin Dreijer Andersson und Olof Dreijer den Song „Bird“ vom Debütalbum ausgesucht: Auf einen gleißend hell erleuchteten Schlag reißen alle auf der Bühne ihre Arme in die Luft – doch die Musik läuft weiter. Die ersten 20 Minuten waren feinstes Fake-Musizieren. Anschließend verschwinden die „Instrumente“, die Songs werden eingespielt und die mittlerweile in bunte Glitzerkostüme gewandeten Performer führen dazu Choreografien zwischen Modern Dance, Volkstanz und Disco-Gehopse auf. Mitunter scheint auch mal live gesungen zu werden. Wessen Stimme mit welchem Verzerrer-Effekt zu hören ist, bleibt unklar. Die Geschwister tragen keine Masken mehr, doch sie verschwinden im Kollektiv. Das ist irritierend, doch letztlich übertragen The Knife nur ihr Album-Konzept in die Konzertsituation: „Shaking The Habitual“ – eine von Foucault geborgte Wendung – bedeutet für sie, die Gewohnheiten des Musikmachens und -hörens durchzuschütteln. Das gelingt ihnen auch mit ihrer 90-minütigen Show, bei der für einen Song sogar alle Performer von der Bühne verschwinden. Selber tanzen ist angesagt. Schon clever diese Schweden. Nadine Lange

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