KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

KLASSIK

Schwere See: Roger Norrington beim Deutschen Symphonie-Orchester

Carolin Widmann spielt Max Bruchs „Schottische Fantasie“ beim Deutschen Symphonie-Orchester, eine anerkannte Spezialistin für Neue Musik widmet sich dem schwerblütigsten aller Romantiker – aufregend liest sich das auf dem Papier. Am Sonntag bleibt es allerdings beim interessanten Experiment: Mit reduzierter Orchesterbesetzung hellt Dirigent Roger Norrington das Klangbild auf, Widmanns schlanker Geigenklang führt in den Mittelsätzen erst auf ein Dorffest, evoziert dann den schlichten, sehnsuchtsvollen Gesang eines einsamen Hirten. Ohne Samt und Sämigkeit in der Solovioline aber, ohne düstere Atmosphäre und romanhaft dramatisierenden Gestus will sich die spezifische Sogkraft des Werkes nicht wirklich entfalten, wirkt die Partitur dann doch nur wie ein Nebenwerk von Mendelssohn.

Elementare Kräfte wirken in Ralph Vaughn Williams sinfonischer Riesenkantate „A Sea Symphony“ von 1909 – und Norrington reizt sie voll aus, bis Zartbesaitete S.O.S. funken: Immer neue Fortissimo-Böen lässt er in die Schallsegel der Philharmonie krachen, fordert monumentale Klangpracht vom Berliner Rundfunkchor. Über der Klanggischt in atlantischen Farben von Eisblau bis abgrundtief Schwarz behaupten sich zwei Solisten: Simon Keenlyside mit unmittelbar berührendem Bariton und Lisa Milne mit opernhaftem Sopran. Rule Britannia, Britannia rule the waves! Frederik Hanssen

KUNST

Wiederentdeckt: Die Inselgalerie zeigt verschollene Künstlerinnen

Mit der Ausstellung „Wieder im Licht – geehrt, ausgegrenzt, wiederentdeckt“ stellt die Inselgalerie acht Malerinnen vor (Torstr. 207, bis 25. 5.; Di–Fr 13.30–18.30 Uhr, Sa 13–17 Uhr). Die in der Inselgalerie beheimatete Fraueninitiative hat es sich zum Ziel gemacht, verschollene Werke von Künstlerinnen aufzuspüren und deren Lebensläufe zu rekonstruieren. In alle Biografien bricht die Politik mit voller Wucht ein. Nach dem Ersten Weltkrieg können die Frauen Fuß fassen und ausstellen. Erfolg haben sie vor allem mit Porträts. Julie Wolfthorns elegante Titelblätter für die Zeitschrift „Jugend“ werden ergänzt von spöttischen Aquarellen. Lässig lümmelt ein Dandy auf seinem Stuhl. Berührend wirken die energiegeladenen Selbstporträts von Augusta von Zitzewitz und Oda Hardt-Rösler. Mit forschenden Augen studieren die beiden Malerinnen ihre eigenen Gesichter, als könnten sie darin die Zukunft erkennen. Aber der Nationalsozialismus kappt jede Entwicklung.

Käthe Loewenthal und Julie Wolfthorn werden deportiert. Von Käthe Münzer- Neumann ist nur ein einziges Werk von 1944 zu sehen. Eine Mutter mit Kind, die Frau trägt den Judenstern. Die Künstlerin kann in Frankreich untertauchen und findet dort Anerkennung. In Berlin bleibt von ihrem Werk kaum eine Spur. Die Ausstellung vermittelt eine Ahnung vom Aufbruch der Künstlerinnen. Und sie lässt die Lücken in der Kunstgeschichtsschreibung erkennen. Simone Reber

KLASSIK

Würdig: Bellinis „Beatrice di Tenda“ mit der Berliner Operngruppe

Seit 2007 nimmt sich die Berliner Operngruppe des vernachlässigten Repertoires an. Mit ihrem Vorbild, der von Sir Colin Davis mitbegründeten Chelsea Opera Group, verbindet die Gruppe bereits jetzt das professionelle Niveau. Doch auch das würde Bellinis „Beatrice di Tenda“ nichts nützen, wenn nicht der richtige interpretatorische Ansatz hinzukommen würde. Nicht zufällig zitiert das Programmheft Peter Berne, dessen Buch „Belcanto“ für die Aufführungspraxis dieses Repertoires so wichtig werden dürfte wie einst Harnoncourts „Musik als Klangrede“ für den Barock. Auch wenn der Dirigent Felix Krieger und sein unglaublich kultivierter Cast im Konzerthaus nur das umsetzen, was mit modernen Instrumenten und ohne Bühne glaubhaft wirkt, reicht bereits das für einen riesigen Vorsprung vor konventionellen Belcanto-Aufführungen.

Wer gehört hat, wie vollkommen bei Valentina Farcas Verzierung und Ausdruck verschmelzen und wie sie, unterstützt von sparsamsten Gesten und oft nur Blicken, der vermeintlichen Überfrau Beatrice Würde und Menschlichkeit zurückgibt, der wird sich weder über die Zukunft dieser Heldin noch über den nachhaltigen Erfolg des Projektes Sorgen machen müssen. Carsten Niemann

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben