KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von , und Jennifer Lynn Erdelmeier

KUNST

Trash mit Tiefe:

Stephanie Senge in der Galerie 18m

Berlins Anziehungskraft auf Künstler ist ungebrochen. Stephanie Senge etwa ist vor drei Monaten aus ihrer Heimat München hierhergezogen. Eine gute Nachricht ist das für die Hauptstadt, denn die 1972 geborene Künstlerin macht spannende Kunst, in der sich Trash und Tiefe nicht ausschließen. Mit ihren Performances und Skulpturen kämpft Senge für die Wertschätzung von Konsumgütern. Ihr geht es um Billigprodukte, um alles Bunte und Marktschreierische, das aus den Regalen blinkt und um uns buhlt, dem wir kurz nach dem Kauf aber schon keine Aufmerksamkeit mehr schenken. So hat die „Konsumaktivistin“ Klobürsten und Schuhlöffel zu ästhetischen Ikebanas zusammengestellt, einer traditionellen japanischen Blütensteckkunst, die höchste Konzentration verlangt. In der Wohnungsgalerie 18m von Julie August präsentiert sie nun neue Arbeiten (Akazienstr. 30, bis 30. 6., Besichtigung nach Absprache mit der Künstlerin, 0177 / 445 83 16). Dafür hat die Künstlerin Verpackungen – „Flutschfinger“-Eis in einer Spezialedition oder Ritter-SportSchokolade in Goldfolie – auf Kopien konstruktivistischer Gemälde des Malers Friedrich Vordemberge-Gildewart gesetzt. Und zwar so, dass die Produkte haargenau auf die geometrischen Elemente im Bild passen. Die Suche im Supermarkt nach Produkten, die mit den von Vordemberge-Gildewart vorgegebenen Maßen übereinstimmen, ist Teil der Kunst. So setzt sich Senge intensiv mit der überbordenden Warenwelt auseinander, nimmt Lebensmittel und Alltagsgegenstände bewusst in die Hand, wägt ab. Ähnlich wie die Ikebana-Kunst sucht auch der Konstruktivismus nach dem idealen Gleichgewicht von Formen, auf dass etwas von langlebiger Schönheit entstehe. Anna Pataczek

KLASSIK

Kalter Rausch: Yuja Wang

im Kammermusiksaal

Kühl und sexy wirkt Yuja Wangs Auftritt im Kammermusiksaal der Philharmonie. Nichts Anbiederndes haben ihre rasanten Outfits (im Plural, da die Pause zum Kostümwechsel genutzt wird), vielmehr scheint die Pianistin ausdrücken zu wollen: „So gefällt es mir eben.“ Kompromisslos auch das Programm: Auf den hübschen Neoimpressionismus in Lowell Liebermanns „Gargoyles“ folgen pianistische Schwergewichte von eher düsterem Gehalt. Rachmaninoffs 2. Klaviersonate gehört zu den ungemütlichsten Werken des Komponisten, zum Abschluss gibt es Ravels „La Valse“, in dem bekanntlich die Trümmer und Fragmente präsentiert werden, die der Erste Weltkrieg vom Wiener Walzer übrig ließ.

Yuja Wang spielt das mit stoisch unbewegten Schultern, federnden Rhythmen und einem ganz außerordentlichen Gespür für Farbnuancen, alles in allem: wie in einem kalten Rausch. Auch in Scriabins 6. Sonate macht sie Gebrauch von ihrer aberwitzigen Virtuosität. Ihre Interpretation des rätselhaften Werks, vor dem es dem Komponisten selbst gegraust haben soll, wirkt wie eine nüchterne Analyse des Wahnsinns, mit feinsten Nadelstichen ins Nervensystem. Die junge Pianistin ist eine auf fast schon beängstigende Weise furchtlose Künstlerin. Nur Schuberts „Gretchen am Spinnrade“, in der Bearbeitung von Liszt zugegeben, nimmt man ihr (noch) nicht ab. Vom Herzschlag des jungen Mädchens, den man sonst im auftaktigen Motiv der linken Hand vernimmt, ist nichts zu hören. Benedikt von Bernstorff



KUNST

Dem Blick vertrauen: Arno Fischers

letzte Foto-Meisterklasse

Bilder sind überall. Um uns herum. In uns. Man muss sie nur einfangen. Dies wird in der Ausstellung „Siehste, jeht doch“ im Haus am Kleistpark deutlich (Grunewaldstr. 6–7, bis 2. 6.; Di bis So 10–19 Uhr). Dort zeigt der letzte Jahrgang der Meisterklasse von Arno Fischer seine Fotoarbeiten. Fischer war einer der ganz großen Fotografen der DDR. Seine Aufnahmen vom Nachkriegs-Berlin sind genauso berühmt wie die Porträts der vereinsamten Marlene Dietrich. Der 2011 verstorbene Foto-Chronist war auch leidenschaftlicher Hochschullehrer. „Fotografie ist eine technische Möglichkeit für einen schöpferischen Menschen, sich auszudrücken“, betonte er immer wieder. Er hat seine Schüler gelehrt, ihrem eigenen Blick zu vertrauen, und genau dies demonstrieren die ausgestellten Arbeiten der 32 Fotografen. Mal sind sie sachlich, mal melancholisch. Manche bestechen durch ihre Dingschärfe, andere durch ihre Detailgenauigkeit. Doch immer bleibt etwas anwesend, wird etwas hinter der Oberfläche sichtbar. Das gelingt in Schwarz-Weiß und in Farbe. Mal sind es Polaroids wie die Bildreihe „Segmente der Wirklichkeit“ von M. Kardinal, mal sind die Aufnahmen körnig und verschwommen wie „LA. Times“ von Irina Tübbecke oder atmosphärisch dicht wie in „about:blank“ von Carolin Weinkopf. Alle vereint eine anmutige poetische Erzählung, geschrieben mit Licht und Schatten. Jennifer Lynn Erdelmeier

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