KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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Virtuos. Muttis Kinder. Foto: Alexander Weiss
Virtuos. Muttis Kinder. Foto: Alexander Weiss

KLASSIK

Bitte keine Blumen: Der Pianist Yundi in der Philharmonie

Der Schlussakkord von Beethovens „Mondscheinsonate“ ist kaum verklungen, da steht Yundi schon neben dem Flügel und schaut unbeteiligt ins Publikum, als hätte er nichts mit dem zu tun, was eben geschehen ist. Junge Chinesinnen klettern auf die Bühne, um Blumenbouquets in seinem Arm zu deponieren – auch dies scheint ihn zu befremden, obwohl er es gewohnt sein dürfte.

Ähnlich geht es einem als Zuhörer bei diesem Klavierabend des jungen chinesischen Pianisten in der Philharmonie: Zu seiner Interpretation von Beethovens bekanntesten Sonaten „Appassionata“, „Pathéthique“ und „Mondschein“ ist es schwer, eine innere Verbindung herzustellen. Im Kopfsatz der „Appassionata“ akzentuiert Yundi Beethovens progressive Brüche, bezieht diese aber nicht auf die Form, über die sie sich hinwegsetzen. So scheinen sämtliche abrupte Wechsel sinnentleert, die Dramatik wirkt artifiziell, als liege ihr kein lebender Organismus, sondern formbare Knetmasse zugrunde. Die Kombination mit Chopins Nocturnes op. 9 Nr. 1 und 2 am Anfang setzt die sangbare Linie in den Fokus des Programms. Die Simplizität, die Yundi mit dumpfem Anschlag dieser Linie verleiht, befreit die Nocturnes auf wohltuende Weise von Nostalgie und historischem Assoziationsballast. Die Tendenz, jedem Ton gleiches Gewicht zu geben, begünstigt hier ein modernes Hören.

Bei Beethoven geht diese Rechnung nicht auf. Wohl lässt sich dieser Ansatz auf die kantablen Themen der langsamen Sätze übertragen, aber das Ersticken polyphoner Strukturen unter kaum nachvollziehbaren Eruptionen oder rasenden Tempi schließt die Tür zu jedem Verständnis. So bleibt man emotional im Regen stehen – wie die Damen, die ihren Blumenstrauß nie loswerden konnten. Barbara Eckle

AUSSTELLUNG

An den Pranger: „Mut zur Wut“ – Plakate in der Akademie der Künste

Eine aufgeschlitzte Papaya, deren kerniges Innenleben vor den Blicken des Betrachters entblößt ist, stiert ungläubig aus kugelrunden Augen. Über der klaffenden Wunde im Fruchtfleisch erstreckt sich der Schriftzug „Stop Female Genital Mutilation“. Elmer Sosas Plakat protestiert gegen Frauenbeschneidungen. Es prangert, wie 79 weitere Motive der Ausstellung „Mut zur Wut“, gesellschaftliche Missstände der heutigen Welt an.

Die gezeigten Motive sind Einsendungen des gleichnamigen Wettbewerbs, der 2010 in Heidelberg ausgerufen wurde und seither jährlich Künstler auffordert, Betrachter mit ihren Plakaten zu alarmieren und zum Nachdenken zu bewegen. Zum Beispiel über Umweltverschmutzung, falsche Facebook-Freunde, gedankenlose Konsumenten, Krieg, Globalisierung oder klerikale Pädophilie. Die Plakate sind schrill, zynisch, witzig und provokant – ein verstörendes Vergnügen. 30 Motive werden jedes Jahr gekürt und in der Heidelberger Innenstadt plakatiert.

Die Akademie der Künste zeigt ausgewählte Protestwerke zumindest im halböffentlichen Raum, nämlich im Café (Pariser Platz 4, bis 31. Juli, täglich 10-22 Uhr). Wie auch in freier Wildbahn müssen die Motive hier um Aufmerksamkeit buhlen - einerseits, weil gegenüber der Tresen mit Kuchenkreationen und Kaffeeduft lockt, andererseits, weil die Plakate eng gestaffelt und zum Teil in großer Höhe platziert sind. Das ist bedauerlich, denn viele der sehenswerten Stücke sind dadurch kaum zu entziffern oder angemessen zu bewundern. Anne Cramer

SHOW

Fast wie Geschwister: Muttis Kinder in der Bar jeder Vernunft

Natürlich scharen sich die drei um ein einziges Mikrofon, trinken aus einer einzigen Wasserflasche und haben als Rhythmusmaschine nur ein einziges mit irgendwas gefülltes Marmeladenglas dabei. Sie sind ja Muttis Kinder, also müssen Claudia Graue, Christopher Nell und Marcus Melzwig Geschwister sein. Zwar keine Blutsgeschwister, aber Brüder und Schwester im A-capella-Gesang. Und mit Sangesschwestern hat man in der Bar jeder Vernunft, der Hausbühne der Geschwister Pfister, bislang nur gute Erfahrungen gemacht.

Da fügt sich die Premiere des neuen Programms von Muttis Kinder „Zeit zum Träumen“ (bis 9. Juni) nahtlos an. Was die drei in Berlin und Dortmund ansässigen Thirtysomethings, die sich vor zehn Jahren an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock gefunden haben, veranstalten, ist intelligente Liedzerlegung und Neuerfindung. Mit verschnarchten befrackten Herren, die auf Comedian Harmonists machen, haben die virtuosen und witzigen Arrangements von Muttis Kinder nichts zu tun. Da schadet es auch gar nichts, dass die drei keine Stimmwunder, sondern nur ganz gute Sänger sind.

Klasse, wie Tenor Christopher Nell, der am Berliner Ensemble als Fee Tinkerbell in „Peter Pan“ brilliert, „Bohemian Rhapsody“ von Queen als Minitheaterstück aufführt. Groß, wie die drei „Gangsta’s Paradise“ von Coolio vom coolen Gangsta- Rap zum ironischen Kinderlied umbauen. Lustig, wie Bass Marcus Melzwig, der sonst die Rhythmusgruppe singt, das Solo beim Jürgen-Marcus- Schlager „Eine neue Liebe“ übernimmt und das ganze Spiegelzelt einstimmt. Und ernst und diszipliniert „Motherless Child“ als melodischen dreistimmigen Satz singen – das können Muttis Kinder auch. Tolles Trio, großer Jubel. Gunda Bartels

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