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KLASSIK

Oh Boy: Jan Lisieckis bezaubernder

Klavierabend im Kammermusiksaal

In sein Jackett muss er noch hineinwachsen, Chopins Etüden aber sind jetzt schon Jan Lisieckis Kragenweite. Gerade hat der 18-jährige Kanadier beide Zyklen auf CD herausgebracht, in einer ganz erstaunlichen, im besten Sinne frühreifen Interpretation. Die 12 Stücke des Opus 10 hat er am Mittwoch auch bei seinem Berlin-Auftritt dabei. Den Abend im gut besuchten Kammermusiksaal aber beginnt Lisiecki mit Préludes von Olivier Messiaen, als Konzentrationsübung für sich und das Publikum. Mit Bachs B-Dur-Partita folgt ein weiteres Exerzitium, ausgeführt mit seidenweichem Anschlag und witzig kontrastiert durch ein Menuett von Ignaz Paderewski, in dem der polnische Spätromantiker die barocke Form zum Virtuosen-Hybrid macht. Aberwitzig schwer in ihrer dissonanzgestählten Vollgriffigkeit sind auch Bohuslav Martinus „Drei tschechische Tänze“. Der phänomenal begabte junge Pianist aber hämmert sie so lässig in die Tasten, dass sie geradezu einen jazzigen Touch bekommen.

Chopins Etüden sind als Live-Darbietung immer ein Ereignis, allein schon des reinen Schauwerts wegen. Jan Lisiecki braucht keine langen Besinnungspausen zwischen den Charakterstücken, bewegt auch beim Spielen den Körper nur wenig. Hier verbinden sich Konzentrations- und Fingerfertigkeit auf höchstem Niveau – und erlauben dem Interpreten, jenseits der reinen Partiturbewältigung stets nach dem melodischen Kern der Stücke zu forschen, feine atmosphärische Schattierungen zu setzen. Staunender Jubel und zwei weitere Chopin-Etüden aus Opus 25 als Zugaben. Frederik Hanssen

POP

Wiedergeburt: „Tubular Bells

For Two“ in der Apostel-Paulus-Kirche

Vor 40 Jahren, im Mai 1973, erschien „Tubular Bells“. Mike Oldfield, der damals gerade erst 20-jährige englische Multiinstrumentalist, hatte sein Debütalbum mit unzähligen von ihm selbst gespielten Instrumenten aus unterschiedlichen musikalischen Stilrichtungen raffiniert zusammenbombastelt und damit das Genre der Trivialsinfonie erfunden. Vom millionenfach verkauften Opus machte Oldfield in den folgenden Jahrzehnten immer wieder diverse lauwarme Neuaufgüsse – anspruchsvolle Warteschleifenmusik. Da ist es um einiges interessanter, wenn sich an Oldfields 60. Geburtstag in der Schöneberger Apostel-Paulus-Kirche zwei junge australische Musiker ans Werk machen, die zu dessen Erscheinen noch nicht geboren waren, die ihm aber zu einer beeindruckenden Wiedergeburt verhelfen. Wobei der besondere Reiz darin liegt, Daniel Holsdsworth und Aidan Roberts dabei zuzuschauen, wie sie es schaffen, den ganzen vielschichtigen Instrumenten-, Melodien- und Rhythmentaumel, das ganze Gebimmel und Gebammel des Originals neu arrangiert und nur zu zweit aufzuführen, wozu normalerweise eine ganze Menge Personal erforderlich wäre. Ein faszinierendes Schauspiel, wie sich die beiden an je zwei Keyboards gegenübersitzen, sich per Blickkontakt die Einsätze geben. Eine Hand auf den Tasten, die andere auf den Saiten einer Gitarre oder am Schlegel des Schlagwerks, das Plektrum zwischen die Zähne geklemmt. Bingeln und Plingeln, Glockenspiel und exotische Metren. Das Gruselthema aus „Der Exorzist“. Oder aus der Werbung für den Golf Diesel. Siebenachtel, Achtachtel, Zwölfachtel. Barfüßiges Wegwischen des Kabelverhaus auf dem Boden. Ein Tritt mit der großen Zehe auf die Loop-Station. Sitzen, stehen, fliegende Wechsel. Nach links, nach rechts, nach hinten, nach vorne. Bass, Gitarre, Schlagzeug, Mandoline. Hektischer Schluck aus der Pulle. Klavier, Kazoo, Falsett-Uuh-Huuh. Und natürlich das schwere Klong-Klong stahlgehämmerter Röhrenglocken: Tubular Bells. Tolle Musiker. Großer Spaß. H.P. Daniels

KLASSIK

Höllisch gut: Mozarts Requiem

mit dem Berliner Konzert Chor

Wer geglaubt hat, dass Michael Haydns Requiem in c-moll nur ein leichtgewichtiger Auftakt zu Mozarts berühmtem letzten Werk werden würde, sieht sich getäuscht: Tatsächlich handelt es sich bei dem Stück nicht nur um ein frühes geistliches Hauptwerk des jüngeren Bruders von Joseph Haydn, sondern auch hörbar um das Modell für Mozarts Requiem. Jan Olberg, der beide Werke mit dem Berliner Konzert Chor sowie dem Berliner Konzert Orchester im Konzerthaus dirigiert, betont die Gewichtigkeit des Stücks, indem er es auch interpretatorisch aus der chorsymphonischen Tradition des 19. Jahrhunderts betrachtet. Gewaltige Klangmassen brauen sich zusammen, aber es ist eine Masse mit Klasse: Von Ehrfurcht im wahrsten Sinne des Wortes erzählt das stählerne Sanctus, effektvoll – wenn vielleicht auch in der Häufung etwas stereotyp – wendet Olberg die Satzschlüsse der düsteren Chöre in gleißendes Dur. Feinheiten der Textausdeutung wie den harmonischen Höllensturz bei „ne cadant in obscurum“ oder den leuchtenden Sopraneinsatz im Lux aeterna entgehen ihm dabei dennoch nicht. In den Forte-Passagen von Mozarts Requiem kann der Chor seine Strahlkraft bewahren, doch spätestens im Offertorium mit seinen anspruchsvollen dynamischen Kontrasten hat man den Eindruck, dass diese Kraft auch ein wenig auf Kosten der Tragfähigkeit und Klangschönheit des Piano geht. Für einen guten Ausgleich sorgen indes die Solisten Anne Bretschneider (Sopran), Ines Muschka (Alt), Michael Zabanoff (Tenor) und Jonathan de la Paz Zaens (Bass), die insbesondere ihre gemeinsamen Passagen sehr homogen und mit kultivierter Lebendigkeit gestalten. Carsten Niemann

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