KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Begeisternd: Christine Schäfer

mit Eric Schneider im Konzerthaus

„Das Programm wird am Konzertabend bekannt gegeben“, steht auf dem Ticket, und so geht es mit allen Gesangsstars, die eigene Präferenzen in der Konzerthausreihe „Ein Abend mit ...“ unterbreiten. Rappelvoll ist wiederum der Kleine Saal besetzt. Diesmal hat sich Christine Schäfer angesagt, geliebter Cherubino, bewunderte Lulu, Liedinterpretin aus der Obhut Aribert Reimanns und Fischer-Dieskaus. Wer aber nun eine „launische Forelle“, Mignon oder „Gretchen am Spinnrade“ erwartet hat, sieht sich getäuscht.

„Zwischen den Noten“ von Henry Purcell und George Crumb bewegt sich streng die Vortragsfolge, um mit einer zarten Zugabe von Alban Berg zu enden. Es zeigt sich, dass die meisten Fans dem unerhörten Anspruch mit entwaffnender Konzentration folgen und die Abwanderung in der Pause wohl eher dem amerikanischen Komponisten gilt. Dessen „Apparition“ (1979) füllt allein den zweiten Teil des Abends, in dem der Pianist Eric Schneider mit der Sängerin dem Flügel innovative Klangfarben entlockt.

Diese „Elegiac Songs“ beruhen auf Texten von Walt Whitman, die auch Paul Hindemith zu seinem Requiem inspiriert haben. Es sind Lieder an den Tod als Erlöserin: „I glorify thee above all.“ Da sie harmonische Extravaganzen nicht aufweisen, fügen sie sich im Wechsel der Musik Purcells wortbetont fließend ein. Der Orpheus Britannicus erscheint als der eigentliche Pionier, ungeglättet, unorthodox in der Dissionanzbehandlung. „Music for a while“ erblüht bei Christine Schäfer in schimmernden, fahlen, leuchtenden Farben ihres Soprans und kontrastreicher Interpretation, zumal in „Sweeter than Roses“. Große Publikumsbegeisterung. Sybill Mahlke

KLASSIK

Verstörend: Ferdinand von Schirach

bei den Berliner Philharmonikern

„Die meisten Dinge sind kompliziert, und mit der Wahrheit ist es so eine Sache.“ Das schreibt der Berliner Strafverteidiger Ferdinand von Schirach, durch seine der Kanzleipraxis entlehnten Kriminalkurzgeschichten berühmt geworden, im Vorwort seines ersten Erzählbandes. Und diesem Credo folgt er auch im Kammermusiksaal, wo er zum Start der neuen Reihe „Plädoyer“ erst mit glühender Leidenschaft einen Vortrag über die Würde auch des fürchterlichsten Verbrechers hält und später seine Kurzgeschichte „Das Cello“ rezitiert. Thema: „Dürfen wir töten?“ Die weit wichtigere Frage folgt danach: und wenn ja, warum?

Eine merkwürdige Dramaturgie ist das, denn die Veranstaltung versteht sich als kammermusikalischer Abend, in dem die philharmonisch besetzten Berliner Barock Solisten mit Bernhard Forck als Konzertmeister feinstziselierte Fugenkunst von Bach vortragen. In Schirachs Erzählung mit dem Cello spielt Bachs 1. Solosuite eine Rolle, Olaf Maninger steuert Prélude und Courante vom Rang her bei. Flackerndes Kerzenlicht verleiht ihm im dunklen Saal eine seltsame Aura, sein gutes, aber keineswegs überragendes Spiel tritt hinter der Kulisse zurück.

Auch die anderen Musiker sind eigentlich nur Staffage. Sie spielen insgesamt keine halbe Stunde, sonst sitzen sie in der Finsternis und lauschen. Von Schirach dominiert klar die Szene und die Sympathien im Publikum. Seine Stimme ist weich und einprägsam, die geschriebene Sprache klar, fast hart, seine Fragen nach Schuld und Gerechtigkeit stören brutal und ohne Vorwarnung jeden Gutgläubigen auf. Bachs gottgefällige Weltharmonie und von Schirachs Zweifel – dieser Gegensatz bringt das Publikum aus der Ruhe. Der Beifall klingt bewegt. Christian Schmidt

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