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KLASSIK

Jaulende Winde: Das Scharoun Ensemble in der Matthäuskirche

Das Scharoun Ensemble ist ein Global Player: Die Mitglieder der Berliner Philharmoniker laden zu ihrem eigenen Festival vor schneebedeckten Gipfeln nach Zermatt, sie residieren jedes Jahr bei der American Academy in Rom, sie gastieren in der ganzen Welt. Aber der Name ihrer Formation verpflichtet auch. Inmitten von Hans Scharouns unvollendetem Kulturforum steht die St. Matthäuskirche, als Ort für Austausch zwischen Kunst und Glauben gedacht. In dem lichten Schiff, das wie durch Bullaugen immer wieder Ausblicke auf die Schatzkammern der Staatsbibliothek und der Gemäldegalerie gewährt, gestaltet das Scharoun Ensemble eine Konzertreihe. Deren zweites Jahr ging nun mit einem Benefizkonzert zu Ende, das Zugang ermöglichen will, mit einem Lift für Rollstuhlfahrer an der Sakristei. Aus Rom hat das Scharoun Ensemble Werke mitgebracht, die ihm junge amerikanische Komponisten auf die Finger geschrieben haben.

Anthony Cheung und Jesse Jones sind auch vor Ort und dirigieren ihre Stücke, in denen überraschend viele Glissandi an das Jaulen altersschwacher Sirenen oder den Wind über Ostia erinnern. Eine Suite feinster französischer Kammermusikware erinnert an den eleganten, zugleich etwas morbiden Charme von Zermatt. Aus den Gelegenheitsarbeiten von Debussy und Ravel bergen die Scharouns ein Funkeln vor dunklem Grund, überglänzt von Marie-Pierre Langlemets magischer Harfe. Gerd Wameling rezitiert mit wachsender Erregung Poes Erzählung „Die Maske des roten Todes“, das André Caplet zu einer Fantasie des Zitterns und Zagens anregte. Erst unter nachtblauem Himmel, das Weinglas in der Hand, sortieren sich langsam die widerstreitenden Konzertzutaten. Ulrich Amling

KUNST

Ernster Spaß: Eine Ausstellung

über das Ironische in der Kunst

Ironie versteht nicht jeder. Ironie kann lustig sein, ist aber auch böse, subversiv, sarkastisch, intelligent, politisch, verwirrend, hinterhältig, kurzum: eine nicht zu unterschätzende Waffe. Wie unterschiedlich die Kunst mit Ironie umgeht, zeigt die Gruppenausstellung „aus ernst wird spaß... das ironische in der kunst“ (bis 14. Juni, Deutscher Künstlerbund Projektraum, Rosenthalerstr. 11, Di-Fr 14-18 Uhr). Über 120 Künstler spielen mit der Ironie in Form von Bildern, Objekten, Fotos oder Videos, und wie man als Betrachter die Ausstellung versteht, hängt vom eigenen Wissen, Humor und Verständnis für Kunst ab. Mitunter ist die dargestellte Ironie so plakativ, dass es schon weh tut. Etwa wenn auf einem Foto von Jürgen Palmtag unter einem Windrad mit abgebrochenem Flügel die Worte „geht schwer klemmt aber gut!“ stehen. Oder Jürgen Paas zwei leeren Bilderrahmen inklusive Passepartout, aber ohne Bilder, den Titel „Portrait“ gibt.

Doch dann wird es schwieriger. Oder einfach doof. Je nachdem: Auf einem Bild sitzt Angela Merkel auf einem krakeligem Pferd, das Werk heißt „helfende Hand I u. II“; der Schriftzug „Künstler!!! Das Paradies ist nahe“ ist aus Papier geschnitten und an die Wand geklebt; ein Foto zeigt eine Tierpyramide aus Ferkel-Kalb-Leopard-Schwein-Tiger-Kuh-Plastiktieren, sie heißt: „Tierverwirrung“. Schließlich ist da eine Türklingel mit dem Schild „Müller 3x klingeln“. Witzig! So unterschiedlich Ironie aufgefasst werden kann, so bunt ist die Mischung der Objekte in dieser Ausstellung. Man kann sie urkomisch finden und sich kaputtlachen. Oder man verdreht die Augen und geht schnell wieder. Jeder, wie er lustig ist.Jennifer Lynn Erdelmeier

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