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KLASSIK

Fragen und Antworten: Der Pianist

Richard Goode im Konzerthaus

Opus 109, 110 und 111 – Chiffren für das Höchste, was mit der klassischen Sonatenhauptsatzform, ihrer Erfüllung und Überschreitung, erreicht werden konnte: Ludwig van Beethovens drei letzte Klaviersonaten an einem Abend zusammenzufassen bedeutet höchsten Anspruch an Spieler und Hörer. Richard Goode stellt sich ihm im Konzerthaus mit einer Selbstverständlichkeit, die einem den Atem verschlägt. Das untrügliche Stilgefühl, den Sinn für architektonischen Aufbau, eine gewisse Strenge in der absoluten Klarheit der Stimmführung hat der Amerikaner von seinem Lehrer, dem großen Rudolf Serkin, „geerbt“.

Nichts will mehr scheinen, als es ist, nichts wird aufgebauscht um des virtuosen Effektes willen. Klassische Maße bestimmen die natürlich fließenden Tempi und eine Dynamik, die mit einer Nuancenvielfalt vor allem im Pianobereich beglückt, die heutzutage selten anzutreffen ist. Ein freier Atem weht in diesen selbst bestimmten Grenzen: Behutsam erheben sich die ersten Frage-undAntwort-Spiele der E-Dur-Sonate wie eine Erzählung, komprimieren und weiten sich in flexibler Tempogestaltung. Mit warmer Tongebung formt Goode den Sprachcharakter dieser Musik aus, der sich im Adagio des As-Dur-Werks zum „klagenden Gesang“ steigert. Hier findet Goode vielleicht die berührendsten Töne, beweist seinen Klangsinn, wenn nach dem schlichten Eingangsthema die 32-tel-Figuren geradezu „impressionistisch“ zerstäuben. Dies kulminiert im Rausch der Arpeggien und Trillerketten der „Arietta“ von op. 111, tröstende Utopie nach dem Drama des Kopfsatzes, der seine menschlichen Dimensionen niemals „romantisch“ übersteigt. Und bedürfte dies vor dem himmlischen Höhenflug noch einer irdischen Bekräftigung, schickt Goode dem sechs „Bagatellen“ aus op. 119 voraus, mit Augenzwinkern servierte Nettigkeiten von Konventionen sprengendem Potenzial. Meisterhaft. Isabel Herzfeld

KUNST

Geben und Nehmen: Villa Oppenheim erinnert an den Maler Josef Block

Nur den wenigsten ist der deutsch-jüdische Maler Josef Block (1863 bis 1943) bekannt. Doch das soll sich nun ändern. Im Rahmen der Sonderausstellung „Sorgenfrei“ über die Geschichte der Familie Oppenheim und Mendelssohn im Heimatmuseum Charlottenburg-Wilmersdorf (Villa Oppenheim, Schlossstr. 55, bis 30. 6.; Di bis Fr 10 – 17 Uhr, Sa / So 11 – 17 Uhr) wird auch Josef Block, der Schwiegersohn Hugo Oppenheims, vorgestellt: mit zwei Gemälden – „Die Brotsuppe“ sowie „Das Testament“ – und zahlreichen Fotografien, die Einblick in Leben und Schaffen des vergessenen Künstlers geben. Block war maßgeblich an der Gründung der Münchner Secession 1894 und der Berliner Secession vier Jahre später beteiligt. Als erfolgreicher Künstler stellte er in der Großen Berliner Kunstausstellung und im Salon von Paul Cassirer aus. Zudem nahm er an Ausstellungen in Chicago und New York teil.

Sein Thema waren die zwischenmenschlichen Beziehungen, wie sich vor allem in dem Bild „Die Brotsuppe“ zeigt. Ein älterer Arbeiter und ein Lehrling sitzen einander auf einer provisorischen Bank gegenüber. Der Ältere schiebt dem Jüngeren die Suppe hin. Fahles Licht fällt von oben auf die Szene und beleuchtet nur das Wesentliche. Das Bild erzählt eine Geschichte vom Geben und Nehmen. Es ist eines der wenigen Werke des Künstlers, die nicht im Krieg verschollen sind. Jennifer Lynn Erdelmeier

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