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KLASSIK

Ausgegraben: Théodore Gouvys Requiem in der Gethsemane-Kirche

In der heutigen EU wäre ihm das wohl nicht passiert: Doch zu seiner Lebenszeit, im 19. Jahrhundert, blieb der Komponist Théodore Gouvy ein Heimatloser. Zwar wird dem Spross einer reichen französischen Familie, 1819 im damals preußischen Saarland geboren, die Verbindung französischer „Anmut, Eleganz und klare(r) Logik“ mit deutscher „Tiefe und Phantasie“ bescheinigt, doch als „Ausländer“ durfte er nicht am Pariser Conservatoire studieren, orientierte sich eher an der deutschen Klassik und konnte „aus der Zeit gefallen“ in beiden Ländern nicht wirklich populär werden. Die Bezeichnung „französischer Brahms“ hinkt nicht weniger als der Vergleich mit Gabriel Fauré.

Dass es dennoch lohnt, Gouvys Werke wieder auszugraben, zeigt die Berliner Erstaufführung seines „Requiems“: Verstärkt durch Mitglieder des Philharmonischen Chores Neubrandenburg kann der Konzertchor der Staatsoper Unter den Linden in der Gethsemane-Kirche gewaltige Klangmassen entfesseln; die reduzierte Staatskapelle, vom Dirigenten Frank Flade souverän mit den Sängern ausbalanciert, setzt dem vor allem farbige Holzbläser und weiche Streicherfülle entgegen. 1874 entstanden – zeitgleich mit Verdis „Messa da Requiem“ – befreit sich das Werk mit düsterem Grundton langsam vom Mozartvorbild. Vor allem das Solistenquartett findet zu persönlichem Ausdruck von Todesschrecken und flehentlicher Bitte: Den strengen Richter beschwört Roman Trekel (Bariton) mit riesigen Intervallsprüngen, Florian Hoffmann antwortet mit schmelzendem Tenor. Martina Rüpings Sopran jubiliert im „Sanctus“, während Olivia Vermeulen ihr schimmerndes Alttimbre im „Agnus Dei“ dramatisch aufleuchten lässt – Verdi wird hier erahnbar. Isabel Herzfeld

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Mehr als nur schnell: Boris Brovtsyn glänzt im Kammermusiksaal

Wenn im Juni das letzte Konzert der ambitionierten Kammermusikreihe „spectrum concerts“ verklungen ist, weiß niemand, ob es nach der 25. Saison eine Fortsetzung geben wird. Das herausragende Projekt des Cellisten Frank Sumner Dodge und seinen namhaften Mitstreitern scheint am Geld zu scheitern. Angesichts der zu vielen leeren Reihen im Kammermusiksaal am Freitagabend ist das nicht verwunderlich: Wer sich hochklassiger Musik verschreibt und nicht gefördert wird, dem droht immerfort Verderben. So gesehen ist es eine Meisterleistung, dass es die Konzertreihe überhaupt schon ein Vierteljahrhundert am schwer umkämpften Berliner Markt gibt.

An mangelnder Qualität kann es jedenfalls nicht liegen und an spannungsarmen Konzertprogrammen auch nicht. Denn was Geiger Boris Brovtsyn und sein Pianist Nelson Goerner erarbeitet haben, fordert heraus und zieht in den Bann. Schubert, Prokofjew, Suk und Strauss steuern Werke bei, die man nur selten auf dem Podium und in den immer ähnlicher programmierten Star-CDs findet. Warum ist ein so exzellenter Geiger wie der 36-jährige Russe ein Geheimtipp?

Brovtsyn agiert mit solcher Leichtigkeit, hat einen so starken Ton, schattiert in so reichlichen Nuancen, dass es das spärliche Publikum von den Sitzen reißt. Er lässt einen jener seltenen Momente leuchten, in denen auch der letzte Zuhörer begreift, dass gute Musik eben nicht heißt, schnell die Finger zu bewegen und dabei gut auszusehen. Es ist kaum erstaunlich, dass ihm Prokofjews erste Sonate am besten gelingt: das Fahle, Schneidende ebenso wie die stoische Energetik eines beängstigend maschinellen Brausens. Morgen ist er noch einmal um 20 Uhr im Kammermusiksaal zu erleben. Solche Musikalität ist einen Tipp wert.Christian Schmidt

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