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POP

Immer noch krank: Die Grunge-Band Mudhoney im Festsaal Kreuzberg

Mark Arm sagt nicht viel an diesem Abend. Eine knappe Begrüßung, zwei, drei Dankeschöns, eine kurze Verabschiedung. Das ist aber ganz gut so, denn der Frontmann der vor 25 Jahren in Seattle gegründeten Grungeband Mudhoney kommuniziert anders. Mal wortlos, wenn Kollege Steve Turner mit seiner Gitarre Fuzz-Attacken in den ausverkauften Festsaal Kreuzberg feuert. Dann blickt er listig bis amüsiert ins Publikum. Und mal schreiend, irgendwo zwischen Iggy Pop zu besten Stooges-Zeiten und den mittleren Black Flag, deren „Fix Me“ am Ende konsequenterweise gecovert wird.

Mudhoney verstehen es hervorragend, den Punk und Hardcore der US-Westküste mit mächtigen Hardrock-Riffs, Garage und Psychedelic zu durchmischen, vergessen aber dabei nie die Lehre des Pop-Refrains, man denke nur an den Grunge-Klassiker „Touch Me, I’m Sick“. Vor allem aber nimmt die Band aus Seattle sich die Freiheit der Dekonstruktion. So klingt Steve Turners Gitarre mal zwei, drei Minuten lang wie eine verschrobene Schleifmaschine, die einen Dielenboden malträtiert, und so darf im Zugabenblock jeder sein Solo spielen. Dabei fällt auf, was für ein guter, guter Mann Schlagzeuger Dan Peters ist. Nach etwa eineinhalb Stunden und fünf Zugaben ist Schluss. Niemand im Publikum wäre böse gewesen, hätte diese Band ewig weitergespielt. Jochen Overbeck

KLASSIK

Funkensprung: Jakub Hruša

beim RSB in der Philharmonie

Mehrere Überraschungen hält dieser Auftritt des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin in der Philharmonie bereit. Da ist zum einen die Begegnung mit Christian Tetzlaff, geschätzt wegen seines analytischen Zugriffs und seiner Ausdruckstiefe. Bei Mozarts Violinkonzert G-Dur KV 216 entzückt eine neue Leichtigkeit, die neben quicklebendiger Musizierlust zarte Töne der Verletzlichkeit aufscheinen lässt. Da ist zum anderen das 32-jährige Dirigiertalent Jakub Hruša. Das RSB sitzt bei ihm auf der Stuhlkante, lässt mit einer selten erlebten Freiheit Funken der Emotion überspringen. Authentisch vermittelt Hruša tschechische Frühmoderne, kommunikativ bis in die Fingerspitzen. Das Violinkonzert von Leoš Janácek ist eine Entdeckung; 1927 skizziert, fand erst 60 Jahre später eine akzeptable Rekonstruktion statt. Der Violinpart als „Wanderung der kleinen Seele“ – so der Untertitel – durchdringt die Erdenschwere von rasselnden Metallketten, dumpfem Blech und hochzüngelnden Streicherfiguren mit strahlendem „Gesang“, setzt zu immer kühneren Höhenflügen an. Virtuoses Futter bietet auch die Sinfonie „Asrael“ von Josef Suk, in fünf monumentalen Sätzen den Schmerz über den Verlust des Schwiegervaters Dvorák und der Ehefrau Otylka ausbreitend: aufgewühlte wie delikat klagende Klänge, in die sich das Solo des Konzertmeisters Erez Ofer mit anrührender Süße einfügt. Isabel Herzfeld

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