KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

KLASSIK

Drama & Timbre: Donald Runnicles

dirigiert Brahms und Britten

Am Ende ist es ein Orchester, das auf Oper setzt. Wie anders ließe sich die Dramatik erklären und das Pathos, mit dem Donald Runnicles, Generalmusikdirektor der Deutschen Oper, sein Orchester in der Philharmonie durch den letzten Satz von Brahms’ Erster führt: Schwarz brodelt der Beginn, ein Sog hinunter in Abgründe, mit unerbittlich hämmernder Pauke. Und wenn er nach dem letzten großen Dröhnen abschlägt, meint man, einer schicksalsschweren Italo-Oper beigewohnt zu haben und nicht Brahms, der unter dem Druck der Erwartungen erst spät als Symphoniker vorstellig wurde. Ganz ähnlich hört man bei Brittens „Serenade für Tenor, Horn und Streicher“ mit Klaus Florian Vogt und dem Solohornisten Daniel Adam andere Möglichkeiten mit. Tatsächlich bringt der Gesangspart mit den fabelhaften Gedichtvorlagen Vogts wunderbares Timbre nicht immer vollständig zur Geltung. Die „Serenade“ ist nicht Wagner, nicht große Oper. Eher unversehens gibt es Lebensraum für diese außerordentliche Stimme, im nahtlosen Übergang vom Falsett in die natürliche Lage zu Beginn, in den Rufen im „Nocturne“ (Adam sekundiert mit feinen Fanfaren), im Gebet des „Trauergesangs“ mit seiner Drohgebärde inmitten. Vogt und Adam musizieren in Einigkeit. Und zum Ende zieht der Ex-Hornist Vogt den imaginären Hut vor dem jüngeren Kollegen. Christiane Tewinkel

ROCK

Popcorn & Leidenschaft:

Asaf Avidan in der Columbiahalle

Zufällig entdeckte der israelische Musiker Asaf Avidan, dass ein junger Berliner mit dem lustigen Namen DJ Wankelmut seinen „Reckoning Song“ auseinandergeschraubt und als „One Day“ neu verbeatstückt ins Internet gestellt hatte. Avidan war nicht angetan, doch der Remix bescherte ihm einen Nummer-Eins-Hit, sodass er inzwischen die große Columbiahalle füllen kann. Da steht der 33-Jährige mit angetäuschten Irokesenhaaren, Hosenträger überm Unterhemd, und hebelt wabernde TwangSchwaden aus einem Two-ToneLes-Paul ’59-Nachbau. Bis es rockt und funkt mit neuer Band. Bass und Drums zur Rechten, zwei Damen links: eine hinter Tasten, eine Percussionistin mit Gerätschaften zum Rühren und Schütteln. Sie spielen Songs vom neuen Album „Different Pulses“. Erneut muss man sich an Avidans frauenhohen Gesang gewöhnen, wie er mit stahlblitzender Schärfe durch den Instrumentalklang schneidet. Wie ein weiblicher Tom Waits trägt er den dylanrätselhaften „Subconscious Overly-Familiar Blues“ vor, dazwischen immer wieder der Gesangstrick, bei dem die Stimme jodelig nach oben schnappt und gefühlvoll nachvibriert. Manchmal, wenn aus dem Synthie künstliche Popcorn-Töne platzen, wenn der Gesamtklang in „Conspiratory Visions Of Gomorrah“ zerfasert, trauert man Avidans grandioser früherer Band The Mojos nach. Bedenken, die bei der letzten Zugabe „Hangwoman“ fast wieder vergessen sind. Gefühl und Leidenschaft. H. P. Daniels

KUNST

Stereotyp & Identität: Roma-Bilder

in der Galerie im Saalbau Neukölln

Vor nicht allzu langer Zeit druckte die Schweizer „Weltwoche“ das Foto eines dunkelhaarigen Jungen, der mit schmutzigen Händen einen Revolver direkt auf die Kamera richtete. „Die Roma kommen: Raubzüge in die Schweiz“: Für die Schlagzeile erntete das Blatt heftige Kritik, dennoch beweist sie, wie voruteilsbeladen den Roma in Europa bis heute begegnet wird. Die Künstler der Ausstellung „The Roma Image Studio“ in der Neuköllner Galerie im Saalbau (Karl-Marx-Str. 141, bis 2. 6.; Di - So 10 - 20 Uhr) halten dagegen und suchen nach Bildern diesseits der Stereotypen. Die vom deutsch-ungarischen Künstler André J. Raatzsch kuratierte Schau stellt zunächst Fragen. Wie werden Fotografien in welchem Kontext wahrgenommen? Was will man darin sehen? Sind private Schnappschüsse aus dem Familienalbum bereits Ausdruck einer spezifischen Kultur? Ein Essay dazu ist gut lesbar in einer großen Vitrine ausgestellt, die Beiträge der Roma-Künstler sind drumherum gruppiert. Henrik Kállai hat sich für kleinformatige Foto-Collagen der Angehörigen entschieden. Ein Bilderretter, denn viele Roma-Familienalben weisen Lücken auf – dahinter steckt der Glaube, dass man jemand Unliebsamen loswerden kann, wenn man ihn auf Fotos eliminiert.

Moritz Pankok, Leiter der Galerie Kai Dikhas für Roma- und Sinti-Kunst am Moritzplatz, zeigt einen Zusammenschnitt aus den Überresten des bosnischen Filmarchivs, das im Bürgerkrieg verwüstet wurde. Eigene Archive haben die Roma nicht, es gibt nur die ethnografischen Sammlungen in großen Museen. Oft sind sie von Folklore geprägt, wie eine Collage mit Porträts von 1905 deutlich macht. Umso wichtiger die Momentaufnahmen von heute, wie sie die Fotografen Judit M. Horváth und György Stalter aus Ungarn präsentieren: Jugendliche vor bunt bemalten Hauswänden, alte Menschen mit Furchen im Gesicht, in eindrucksvollem Schwarz-Weiß. Anna Pataczek

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