KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

KLASSIK

Existenziell: Simon Rattle

und die Berliner Philharmoniker

Will man Pierre Boulez’ „Notations“ überhaupt noch „modern“ nennen? So souverän, so selbstverständlich, wie die Berliner Philharmoniker am Mittwoch die Orchesterfassung des 1945 geschriebenen Klavierzyklus angehen, wirkt die extrem konstruierte Partitur absolut klassisch. Die „Notations“ lassen sich so hören, wie man Gemälde von Mark Rothko oder Yves Klein betrachtet: als abstrakte Kunst, die dennoch jeder für sich sinnlich erschließen kann. Vor allem, wenn Simon Rattle sie dirigiert. Licht schimmert der Orchestersatz trotz der Riesenbesetzung, Rattle nimmt der Musik alles Kopfige, lässt sie frei fließen. In einem weiten, stücküberspannenden Crescendo führt er die Philharmoniker bis zum stürmisch bewegten Höhepunkt, spürt aber immer wieder atmosphärische Inseln auf, besonders schön im mysteriösen Tutti-Raunen der Notation III. Eine beglückende Vergegenwärtigung.

Rätselhaft, ja irrwitzig erschienen den Zeitgenossen auch Anton Bruckners Sinfonien. Rattle lässt ein wenig davon in seiner Deutung der Siebten durchscheinen. Überirdisch schön intonieren Bratschen und Celli den einleitenden Hymnus, dessen inneres Leuchten sich schnell aufs gesamte Ensemble ausbreitet. Doch der Dirigent findet im Kopfsatz auch aggressives Potenzial. So wie er im Adagio nicht allein auf die hypnotische Wirkung der in sich kreisenden Musik setzt, sondern auch tiefe Traurigkeit entdeckt. Das Scherzo kommt nicht so messerscharf daher, wie man es von Mr. Rhythm-Is-It erwarten würde, und wenn die Musiker im Finale letzte Kräfte mobilisieren, wird deutlich, dass Bruckner-Aufführungen auch heute noch für alle Beteiligten existenzielle Ereignisse sind. Frederik Hanssen

KLASSIK

Elegant: Murray Perahia und die Academy of St. Martin in the Fields

Drei Arten, ein Orchester zu leiten: Am Mittwoch im Konzerthaus konnte man sie vergleichend studieren. Bei Beethovens „Coriolan“-Ouvertüre verzichtet die Academy of St. Martin in the Fields in bewährter Manier auf den Dirigenten, die Einsätze gibt der Konzertmeister. Das Ergebnis: scharf abreißende Tuttischläge zu Beginn, Routine auf höchstem Niveau bis zum finalen, präzise hingetupften Pizzicato. Flächiger Sound mit gezackten Rändern, es gilt die Autorität des Kollektivs. Zweitens dann Murray Perahia, Gastdirigent des Londoner Ensembles: Beethovens 3. Klavierkonzert leitet er vom Flügel aus – gleich mit dem ersten Ton wird es lyrisch, beseelt, gelassen. Perahia wendet den Blick Richtung Mozart, gibt berückende Gesangslinien vor, leistet sich hin und wieder zu viel Pedal, zuckt sportlich keck mit den Schultern. Dabei lässt er die Zügel exakt so weit schleifen, dass die Nonchalance nie ins Nachlässige kippt. Die butterweichen Streicher im Largo – apart. Bloß neue Töne gewinnt die Academy dem Repertoirestück nicht ab.

Schließlich die klassische Nummer: Perahia dirigiert am Pult Haydns Sinfonie Nr. 103, die mit dem Paukenwirbel. Sonores Timbre, erfahrungsgesättigte Wiener Klassik, duftige Einstiege, federnde Punktierte, ausschwingende Schlüsse. Perahia sticht den Taktstock in die Luft, rudert mit den Armen – ein Meister (und was für einer, wie sich einmal mehr bei Schuberts Moment Musical Nr. 3 als Zugabe erweist) ist er eben nur am Klavier. Als Maestro serviert er Ohrenschmeichler, hurtig, aber elegant, und mildert die Derbheiten im Menuett. Das monothematische Rondo beschließt sinnreich den Abend, an dem man die Würze des Widerspruchs doch etwas vermisst. Christiane Peitz

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben